Alt werden in Ghana, Togo und Deutschland - Diakonie Bremen fordert unabhängige Beratungsstelle

04.11.2014

Andrea Bussen, Einrichtungsleiterin des diakonischen Altenpflegeheims Kirchweg in Bremen, war vom 12. bis 26. September als eine von acht deutschen Delegierten in Ghana und Togo zu Besuch. Organisiert wurde dieses internationale Lernprojekt durch die Norddeutsche Mission.

In Ghana und Togo hat Andrea Bussen einen ganz besonderen Einblick in das Altenpflegesystem vor Ort bekommen. Sie sieht viele Herausforderungen, aber auch Chancen – und auch einige Parallelen zu der Situation der Altenpflege in Bremen.

„Der demographische Wandel beschäftigt uns in Deutschland – aber er beschäftigt auch die Menschen in Ghana und Togo. Wir haben hier eine Lebenserwartung von 78 Jahren, dort liegt sie bei 68 Jahren“, sagt Bussen. Nicht nur in den westlichen Ländern, sondern auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern sei das Thema „Alt werden als Segen“ von hoher Bedeutung – insbesondere die Frage der Verantwortung der Generationen füreinander.

 

Die erweiterte Familie

„In Togo und Ghana spielt die erweitere Familie eine große Rolle. Doch die Strukturen brechen zunehmend auseinander“, sagt Bussen. So sei die jüngere Generation oft gezwungen die Familie zu verlassen, um Geld zu verdienen. „Das heißt aber auch, dass die älteren Menschen mit den Enkeln zurückbleiben. Wir haben viele Familien besucht, wo das so war“, sagt Bussen. Ein staatliches Pflegesystem gibt es in Ghana und Togo jedoch nicht. Die einzige Hilfe für die älteren Menschen in den Dörfern wird von der evangelischen Kirche geleistet. „Die Kirchengemeinden versuchen über das Ehrenamt Menschen zu motivieren, pflegebedürftige Menschen zu besuchen“, sagt Bussen. Erlebt habe sie in diesem Rahmen gemeinsame Gebete, Tanz und Gesang.

 

Anregungen aus Ghana und Togo

„Bei ihrem Gegenbesuch waren die Afrikaner stark verwundert, als sie unsere Großeinrichtungen gesehen haben. Sie haben gefragt, warum wir uns nicht selbst um unsere Väter und Mütter kümmern“, erinnert sich Bussen. Erklärt hat sie dann, dass die Einrichtungen bei uns greifen, wenn die Pflege Zuhause nicht mehr möglich ist – besonders, weil es bei uns nur selten die erweiterte Familie gibt.

Für sich habe die Einrichtungsleiterin des diakonischen Altenpflegeheims Kirchweg die Erkenntnis gewonnen, dass es in Ghana und Togo, aber auch in Deutschland, mehr Unterstützung für die Familien geben muss. „Unterstützung für die Familien brauchen wir hier und dort.“

Diese Meinung vertritt auch Verbandskoordinator und stellvertretender Geschäftsführer des Diakonischen Werks Bremen Dr. Jürgen Stein: „Wir bieten in Deutschland den Familien viel Unterstützung an, doch die Betroffenen sind über diese Angebote schlecht informiert.“ Er erlebe es bei Telefonaten immer wieder, dass die Verunsicherung der betroffenen Angehörigen groß ist. „Sie wissen nicht, woher sie nähere Informationen bekommen können. Es fehlt ein direkter Ansprechpartner, eine bürgernahe Struktur“, kritisiert Stein. Diese sei besonders wichtig, wenn sich die Angehörigen über Unterstützungsmöglichkeiten in anderen Städten informieren möchten. „Es gibt Kurse für pflegende Angehörige in Deutschland, aber die Menschen können daran nicht teilnehmen, wenn sie nicht wissen wo und wie das möglich ist“, sagt Stein. Daher fordert er im Namen der Diakonie Bremen eine unabhängige, bundeseinheitlich erreichbare Beratungsstelle, die über die Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige informiert.