BEK: „Wir brauchen dringend eine Offensive für neue Kita-Fachkräfte“

28.08.2017

Der Leiter des Bremer Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder, Dr. Carsten Schlepper, erklärt zum am 28. August 2017 erschienenen Ländermonitor frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann Stiftung:

Die neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Bei der frühkindlichen Bildung besteht nach wie vor dringender Handlungsbedarf – in Bremen, aber auch auf Bundesebene. Nach den Wahlen muss die neue Bundesregierung das auf den Weg gebrachte Bundesqualitätsentwicklungsgesetz konsequent umsetzen. Jedes Bundesland hat dann die Chance, seine Hauptbaustelle im Bereich frühkindlicher Bildung über den Bund anteilig mit zu finanzieren. Ab 2018 stehen dafür zunächst eine, später bis zu fünf Milliarden Euro jährlich seitens des Bundes zur Verfügung, um Qualität genau an den Stellen zu verbessern, an denen in den Bundesländern der Schuh drückt.

„Beim Betreuungsschlüssel bleibt in Bremen noch viel zu tun“

Für die Kita-Qualität ist das Zahlenverhältnis von pädagogischen Fachkräften zu betreuten Kindern entscheidend. Beim so genannten Betreuungsschlüssel liegt Bremen im Bertelsmann-Monitor auf Platz 2, aber der positive Erst-Eindruck täuscht: Bremen bewegt sich längst nicht auf dem Niveau, das fachlich empfehlenswert ist. Zieht man bei Erzieherinnen die notwendigen Zeiten für Vor- und Nachbereitung, Team- und Elterngespräche, Dokumentation und Berichte, Fortbildungen, aber auch Krankheit und Urlaub ab, verschlechtert sich der Betreuungsschlüssel z.B. im Krippenbereich von 1:3,1 auf 1:4,2. Im Kindergarten-Bereich kommt erschwerend hinzu, dass pro Bremer Kita-Gruppe nicht selten vier bis fünf Kinder unter drei Jahre alt sind (die sogenannten „4. Quartals-Kinder“, die zwischen August und Jahresende erst drei Jahre alt werden). Den dadurch erhöhten Betreuungsaufwand berücksichtigt die Studie ebenfalls nicht.
Die Studie berücksichtigt außerdem nicht, dass Krippen im Bremen nicht acht, sondern längst stillschweigend zehn Kinder pro Gruppe haben. Die eigenen gesetzlichen Rahmenbedingungen werden in Bremen also nicht eingehalten. Insofern besteht kein Anlass, sich auf einem vermeintlich guten Betreuungsschlüssel auszuruhen.

„Brennpunkt-Kitas brauchen deutlich mehr Personal“

Bremen hat – auch das zeigt der Ländermonitor – den bundesweit höchsten Anteil von Kita-Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache. Wir brauchen dringend – über die zwischen Senat und Trägern vereinbarte Personalaufstockung (50 bis 56 halbe SozialpädagogInnen-Stellen) hinaus – mehr Personal an den Brennpunkt-Standorten: Nicht einzelne, sondern alle Kitas in den Brennpunkt-Stadtteilen brauchen mehr Personal. Hamburg macht vor, wie eine bessere Personalausstattung aller Kitas in Brennpunkt-Stadtteilen aussehen kann.

„Den Fachkräftemangel entschieden anpacken“

Tatsächlich fehlen in Bremen, anders als ein oberflächlicher Blick auf die Studie es nahelegen könnte, weitaus mehr als 23 Vollzeit-Fachkräfte. Der Fachkräftemangel kommt gerade mit großer Wucht bei allen Trägern an. Alle haben Probleme, vakante Stellen zu besetzen. Wir fordern seit Jahren eine Erweiterung der Ausbildungskapazitäten:
•    Bremen braucht mehr Plätze für die berufsbegleitende ErzieherInnen-Ausbildung.
Das bedeutet: Auszubildende arbeiten in Teilzeit bereits in den Kitas und absolvieren 2,5 Tage in der Woche den theoretischen Ausbildungsteil beim Paritätischen Bildungswerk. Auch die Bremische Evangelische Kirche als größter freier Kita-Träger in Bremen beteiligt sich an diesem Modell.
•    Bremen braucht – wie in Baden-Württemberg – PIA, die Praxisintegrierte Ausbildung für Erzieherinnen, die es insbesondere QuereinsteigerInnen/ UmschülerInnen erleichtert, in den ErzieherInnenberuf einzusteigen, auch weil die Ausbildungsgehälter gut sind. Das PIA-Modell setzt auf eine praxisintegrierte Ausbildung – was mit sehr guten Erfahrungen in Baden-Württemberg bereits seit Jahren läuft.

„Familien endlich flexiblere Angebote machen“

Die Untersuchung zeigt, dass wir in Bremen Ressourcen im System frühkindlicher Bildung verschwenden, weil unsere Kita- und Krippenangebote nicht flexibel genug sind. Eltern nehmen über ihren tatsächlichen Bedarf hinaus Betreuungszeiten in Anspruch, weil es keine flexiblen, zeitlich gestaffelten Lösungen gibt. So müssen viele Eltern z.B. einen 8-Stunden-Platz an fünf Wochentagen buchen, obwohl sie diesen z.B. an nur drei Tagen benötigen.
Wir brauchen dringend mehr zeitliche Flexibilität bei den Angeboten, was den tatsächlichen Bedürfnissen der Eltern nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie entgegen kommen und die knappen Platz-Ressourcen besser ausnutzen würde.

Dazu gehört auch, dass wir im Interesse der Familien dazu kommen müssen, Kindern flexibel über das ganze Jahr verteilt Plätze in Kitas und Krippen anbieten zu können. Bislang haben wir das starre Kita-Jahr, was bedeutet, dass 70 Prozent der Bremer Kinder im August einen Kita- oder Krippenplatz bekommen – in den übrigen Monaten nur zwischen ein und fünf Prozent. Der Rechtsanspruch garantiert Kindern aber eigentlich auch eine „unterjährige Aufnahme“, d.h. einen Kita-Platz genau zu dem Zeitpunkt, wenn sie ihn brauchen. Aufnahmen erfolgen dennoch stets und nahezu ausschließlich zum 1. August.

„Beim Ausbau endlich nachlegen“

Zwischen 2005 und 2013 sind die städtischen Bauinvestitionen für Kitas in Bremen zwar deutlich gestiegen, seit 2014 aber wieder gegen Null gesunken. Bremen hat die letzten drei Jahre beim dringend notwendigen Platzausbau verschlafen – das belegt der Ländermonitor noch einmal. Anfang 2015 – vor den Bürgerschaftswahlen – hatte die damals noch zuständig Sozialsenatorin das Ausbaukonzept „Kita 2020“ vorgelegt, nach den Wahlen ist zunächst nichts mehr passiert. Das Land Bremen hat auch die vorhandenen Bundesmittel für den Kita-Ausbau nicht abgerufen.

Die Bremische Evangelische Kirche ist mit 65 Einrichtungen (Kitas und Krippen) und 4.700 Plätzen der größte freie Träger von Kita-Plätzen. Bundesweit liegt der Anteil kirchlicher Träger bei 15,9 Prozent, in Bremen – auch das zeigt der Bildungsmonitor – stellt die Kirche 21,7 Prozent aller Kita- und Krippenplätze. Darauf ist die Bremische Evangelische Kirche (BEK) stolz – und das lässt sie sich etwas kosten: Der Eigenanteil an den Kita-Kosten beträgt 10 Prozent, jedes Jahr gibt die BEK 7 Millionen Euro aus Kirchensteuermitteln allein für den Betrieb ihrer Kitas aus, zusätzlich investierte und investiert sie Millionensummen in (neue) Gebäude.