Beschäftigungsförderung für Langzeitarbeitslose – Das Projekt „Allmende“

17.02.2015

Beschäftigungsförderung für Langzeitarbeitslose braucht einen langen Atem.

Selbst gut gemeinte und auch fachlich gute Konzepte und Initiativen bleiben im Ergebnis wirkungslos, wenn sie kurzatmig und mit zu knappen Fristen geplant und durchgeführt werden, so dass sie weder den Betroffenen nachhaltig nutzen noch ordentlich ausgewertet werden können. 

Wie viel Wahrheit darin steckt, zeigt sich am Beispiel des Projekts „Allmende“ der ProJob Bremen gGmbH. Ziel des Projektes ist zum einen die kostenfreie Vermittlung von Haushaltwaren und Möbeln für ALG II Empfänger/-innen bzw. Hartz IV-Betroffene und zum anderen die Mitwirkung bei Projekten sozialer und diakonischer Einrichtungen in Bremen. „Allmende wurde gegründet, als sich die Situation durch die Einführung von Hartz IV änderte“, sagt Thomas Tscheu, Geschäftsführer der ProJob Bremen gGmbH. Statt des „Möbelscheins“ sollten nun alle Möbel über das Geld gedeckt sein, das die Hartz IV-Betroffenen bekommen.  „Aber die Menschen können das nicht. Deshalb versuchen wir Möbelspenden zu bekommen, holen die Sachen ab und stellen sie Bedürftigen kostenlos zur Verfügung“, sagt Thomas Tscheu. Insgesamt 21 Ein-Euro-Jobber arbeiten in dem Projekt „Allmende“, dazu noch eine Sozialpädagogin und zwei Anleiter.

Das Projekt wurde 2005 gegründet – im Herbst 2015 läuft es seit zehn Jahren. Für diese lange Laufzeit ist Thomas Tscheu dankbar. Die Projekte werden meist für ein oder zwei Jahre bewilligt und finanziert. Danach muss erneut ein Antrag gestellt werden. „Gleichzeitig laufen die Kosten aber weiter", sagt Thomas Tscheu. Schließlich wolle man nicht alle Stellen nur befristet besetzen. Und auch Mietverträge hätten längere Laufzeiten. Das Projekt Allmende wurde in Gröpelingen gegründet und ist nun in die Neustadt umgezogen. „Einen Mietvertrag für ein Gebäude kann man aber nicht für ein Jahr abschließen. Die Vermieter wollen drei, zehn oder sogar 15 Jahre. Ich weiß aber, dass  Maßnahmen des Jobcenters häufig nur für ein oder maximal zwei Jahre bewilligt werden. Es ist eine Zwickmühle“, sagt Thomas Tscheu. So stößt er an Grenzen, muss überlegen, welches Projekt finanzierbar ist oder eingestellt werden muss und welche Kosten dadurch entstehen, zum Beispiel durch angeschaffte Computer oder Möbel. 

Ein weiteres Problem sei die Tatsache, dass sich bei jeder neuen Antragsstellung oftmals die Förderbedingungen ändern. Das ist ein hoher Verwaltungsaufwand (pro Antrag sind es meist mehr als 30 Seiten), stellt oft aber auch das ganze Projekt in Frage. „Erst sollten wir Menschen bei 1-Euro-Jobs qualifizieren, dann war es verboten“, nennt Thomas Tscheu als Beispiel. Für die Verwaltung sei das genauso frustrierend wie für die Teilnehmenden. Niemand wisse sicher, ob das Projekt weitergeht und wenn ja, wie. „Was wir brauchen sind zuverlässige und langfristige Aussagen von Jobcenter und Politik.“

Der Passiv-Aktiv-Transfer

Durch die Kürzungswelle des Jobcenters habe er 2011/2012 drei Projekte schließen müssen. 2014/2015 gibt es nun wieder so einen Bruch, fürchtet Thomas Tscheu. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Bremen lag laut Arbeitsmarktreport der Bundesagentur für Arbeit im Januar 2008 bei 12.552, im Januar 2015 sind es mit 12.586 fast genauso viele. Die öffentlich geförderten Beschäftigungen sind dagegen stark gesunken: im Januar 2008 waren es noch 3.713, im Januar 2012 sank die Zahl auf 2.357 und im Januar 2015 sogar auf 1.046.

„Das Geld wird gekürzt aber nicht woanders eingesetzt“, kritisiert Thomas Tscheu. Warum werde das Geld nicht für einen auf Dauer angelegten 2. Arbeitsmarkt ausgegeben? Bisher seien die geförderten Stellen, wie bei Allmende, zeitlich befristet. Maximal zwei Jahre dürfen die Menschen dort arbeiten. „Einige kommen danach ehrenamtlich, weil ihnen Zuhause die Decke auf den Kopf fällt“, so Thomas Tscheu. Den Menschen sei es wichtig unter anderen Menschen zu sein und mit ihrer Arbeit etwas für andere zu tun, wertgeschätzt zu werden. Warum also zahle man das Geld nicht einfach als Gehalt? Als Gehalt für Jobs, die die Menschen auch mit ihren individuellen Problemen und Beeinträchtigungen, unabhängig von der Ausbildung, ausüben können. 

Das Stichwort ist hier der Passiv-Aktiv-Transfer. Statt passiv Geld zu geben, sollte lieber aktiv dafür gearbeitet werden. „Es ist dieselbe Summe, aber der Mensch trägt seinen Beitrag bei, hat Freunde und Kollegen. Er ist integriert“, sagt Thomas Tscheu. Das sei sehr wichtig für die Menschen, die schon „sehr weit“ vom Job weg sind. Auf dem freien Arbeitsmarkt finden sie nur selten eine Stelle, die Anforderungen sind für viele Langzeitarbeitslose viel zu hoch. Daher sind Projekte, wie Allmende, dringend notwendig. In den Projekten werden den Betroffenen wieder tragfähige Perspektiven vermittelt, neues Selbstbewusstsein und neuer Lebensmut ermöglicht.

Die Diakonie hat zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland den Passiv-Aktiv-Transfer (PAT) vorgeschlagen. Transferiert werden sollen öffentliche Mittel, die langzeitarbeitslose Menschen bislang als Sozialleistungen erhalten (insbesondere das Arbeitslosengeld II). Diese bislang „passiv“ verwendeten Mittel möchte die Diakonie lieber „aktiv“ zur Eingliederung der Arbeitslosen einsetzen: Ein Arbeitgeber, der einen Langzeitarbeitslosen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, soll einen Zuschuss zu den damit verbundenen Lohnkosten erhalten. Die Erfahrung zeigt, dass die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen ohne Lohnkostenzuschuss nur äußerst selten gelingt. „Ein PAT ist rechtlich möglich und ,rechnet sich‘. Er erfordert allerdings eine neue Form der Zusammenarbeit verschiedener öffentlicher Stellen und Sozialversicherungen, die angesichts der verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit unbedingt erforderlich ist“, betont Dr. Jürgen Stein, Verbandskoordinator und stellvertretender Geschäftsführer des Diakonischen Werks Bremen.