Bundesfreiwilligendienst im Haus der Zukunft in Lüssum

01.03.2017

Barbara Wünsch berichtet über ihren Einsatz als Bundesfreiwillige.

Zugegeben, es kommt nicht sehr oft vor, aber manchmal habe ich doch Freude am deutschen Staat! So gibt es zum Beispiel die Einrichtung des „Bundesfreiwilligendienstes“.

Der Staat unterstützt die Freiwilligen

Freiwillig seine Arbeit der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, finde ich gut. Großartig finde ich es, wenn der „Bund“, also der Staat, einen dabei unterstützt, indem er regelmäßige Seminartage ermöglicht, an denen man Gleichgesinnte trifft und von einer kompetenten und außerordentlich netten Fachfrau (Regina Munzel) ein spannendes Fortbildungsprogramm mit viel Spaß und Engagement präsentiert bekommt.
Außerdem sorgt der „Bund“ für die Versicherung in dem Jahr, in dem man diesen Dienst absolviert und zahlt eine regelmäßige Aufwandsentschädigung. Der Freiwillige, der sogenannte Bufdi, verpflichtet sich im Gegenzug, regelmäßig für eine bestimmte Stundenzahl pro Woche eine soziale Aufgabe zu übernehmen. Die Tätigkeit soll der Allgemeinheit dienen und andererseits keinem Arbeitnehmer bezahlte Arbeit wegnehmen, man nennt das „Arbeitsmarkt unabhängig“ sein.

Seminartage mit Spaß und Engagement

Man staunt, was man da alles tun kann, wie unterschiedlich man die verschiedensten Begabungen und Neigungen einbringen und nutzen kann! Das Beste aber ist, dass man eingebunden ist in gleich mehrere wunderbare Teams! Zuerst die schon erwähnte Gemeinschaft der gleichgesinnten Bufdis bei den monatlichen Seminartagen. Da man seinen Dienst jederzeit antreten kann und jeweils nach zwölf bis 18 Monaten beendet, lernt man eine Menge toller Leute kennen. Die Gruppe, der ich zugehöre (über 27 Jahre alt), hat zur Zeit etwas mehr als 20 Teilnehmer aus zwölf unterschiedlichen Nationen.

Das Haus der Zukunft

Meine Einsatzstelle, das „Haus der Zukunft“ in Lüssum (Bremen-Nord) bietet mir nochmals mehrere Teams, in denen ich mich wohlfühle: Das Team der hauptamtlichen Mitarbeiter im „Haus der Zukunft“, eingebunden darin ist das Mehrgenerationenhaus und das Haus der Familie. Dann gibt es da das Team der freiwillig Tätigen, die verschiedenste Aufgaben erfüllen, und dann speziell die Freiwilligen für Belange der Migranten und Geflohenen.
In allen diesen Gruppen herrscht eine bemerkenswerte Atmosphäre von gegenseitiger Wertschätzung, Achtsamkeit und Toleranz. Jeder Einzelne ist mit so viel Liebe zur Sache, Enthusiasmus und Kreativität bei seiner Aufgabe, dass es eine wahre Freude ist!

Die Aufgabe des Bufdis

Nun zu meiner Aufgabe: Meine Bufdi-Stelle wurde erst jetzt – also im August 2016 – eingerichtet von der Leiterin des „Hauses der Zukunft“ (Heike Binne). Es geht darum, den sehr vielen Familien, die in den letzten zwei Jahren hier in die unmittelbare Nachbarschaft gezogen sind, bei ihrem Einleben behilflich zu sein. Sie stammen aus verschiedenen Ländern – zum Beispiel aus Albanien, Syrien, dem Libanon, Tschetschenien, Eritrea, Nigeria, Somalia etc.
Es gab hier in den Wohnblocks einen gewaltigen Leerstand, der sich rapide verkleinerte durch Menschen, die aus Übergangswohnheimen und Notunterkünften hierher kamen. In den Wohnblocks wohnten teilweise schon sehr lange Deutsche, Kurden, Türken und vereinzelt auch noch andere Landsleute.
Zunächst haben wir versucht, die alteingesessenen und die neuen Bewohner miteinander bekannter zu machen. Nachdem wir festgestellt hatten, dass Deutsch und Arabisch am meisten verstanden wurde, haben wir uns um eine Übersetzerin ins Arabische bemüht, eine ausgezeichnete gefunden (Yosra Remo) und dann arabisch/deutsche Einladungen persönlich verteilt.
Eingeladen wurden jeweils die Bewohner, deren Wohnungen an einem Treppenaufgang lagen. Das waren pro Eingang also acht bis zwölf Mieterparteien, die wir einluden, sich mit uns direkt vor der Haustür zu treffen.
Kurz vor dem vereinbarten Treff-Zeitpunkt erschien ich dann aus dem „Haus der Zukunft“ mit einem Bollerwagen, in dem sich mehrere Thermoskannen mit Kaffee und Tee befanden, Zucker, Milch, Tassen, Löffel und Servietten, sowie eine Dose mit Keksen. Jedes Mal sammelte ich erst einmal rund um den Eingang den herumliegenden Müll auf und hatte dabei gelegentlich Helfer, die gern meine mitgebrachten Einmalhandschuhe nutzten.

Ein Angebot sich gegenseitig kennenzulernen

Pünktlich zu Beginn des Treffens kamen dann die Sozialarbeiterin, die für das „Haus der Zukunft“ und die Wohnungsbaugesellschaft arbeitet (Iris Kraft), Die Übersetzerin (Yosra Remo) und der Hausmeister der großen Wohnanlage (Oliver Eckert) dazu. Nun wurden zwei Stehtische aufgestellt, und unser Angebot begann.

Natürlich kamen nicht immer alle Eingeladenen heraus zu uns. Insgesamt kann man jedoch sagen, dass unser Angebot, sich gegenseitig kennen zu lernen, zu erfahren wo und wie man hier Unterstützung der verschiedensten Art bekommen kann usw. und einfach eine Weile zusammen ein heißes Getränk und Kekse zu genießen, recht gut angenommen wurde.

Die vielen Kinder mit unterschiedlichen Sprachen und Hautfarben waren meist unbefangen und fröhlich dabei und ließen sich die Kekse schmecken. Auffallend war, dass sie meist schon besser Deutsch verstanden als die Eltern.

Nöte kommen zur Sprache

Natürlich kamen auch Nöte und Klagen zur Sprache: Heizungen, Beleuchtungen oder Klingelanlagen, die nicht richtig funktionierten z.B. Probleme mit Lärm und Müll, Fragen nach Deutschkursen oder Schul- und Kindergartenplätzen. All das konnte selbstverständlich nicht sofort gelöst werden, wurde aber angehört und nach Möglichkeit an die zuständigen Stellen weitergegeben.
Bis zum beginnenden Frost hatten wir die Treppenhaus-Anwohner aller Häuser, in denen vor kurzem mehrere Geflüchtete eingezogen waren, eingeladen. Bei den letzten Treffen war eine Freiwillige dabei (Ilona Ringel), die sich der Aufgabe verschrieben hat, Bedürftige mit gespendeten Möbeln zu versorgen. Das ist eine logistische Aktion, die einen Profi überfordern und zur Verzweiflung treiben könnte! Erfreulicherweise ist das aber meist erstaunlich gut gelungen und läuft auch weiter.

 Sprachbarrieren überwinden

Da wird natürlich immer jemand gebraucht, der die entsprechende Sprache der Empfänger spricht. Schön war es, zu erleben, dass da, wo wir nicht direkt Übersetzungshilfe anbieten konnten, trotzdem spontan zum Teil in der Nachbarschaft organisierte Unterstützung eintraf. Mit türkischen, albanischen, kurdischen, russischen und Farsi Sprachkenntnissen, konnten einige Nachbarn weiter helfen und so klappte Manches, das zunächst zu scheitern drohte.
Es gibt hier in Bremen-Nord, im „Haus der Zukunft“ und umzu sehr viele Menschen, Gruppen und Einrichtungen, die großartige Hilfen und Unterstützungen anbieten. Man muss sie nur kennen! Wenn man dann im Einzelfall von Bedürfnissen erfährt, ist es manchmal wichtig, die Menschen auch wirklich zueinander zu bringen.
Das kann bedeuten, dass ich z.B. Einige Syrer zur „Anlaufstelle“ ins Hochhaus am Lüssumer Ring begleite, wo einmal wöchentlich eine Freiwillige (Erika Storck-Treudler), unterstützt von der Arabisch-Übersetzerin sich sachkundig um den Behördenkram der Ratsuchenden kümmert.
Es kann aber auch bedeuten, dass ich mein Auto volllade mit Frauen, um sie zum „Anziehungspunkt“ in der benachbarten evangelischen Kirchengemeinde zu bringen, wo man für wenig Geld gespendete Kleidung und Schuhe erhalten kann. Was dort nicht zu bekommen ist, schickt mir zuweilen ein „gütiger Zufall“, Schuhe in Gr. 38, schlicht schwarz und ohne erhöhte Absätze wegen massiver Rückenprobleme der Empfängerin, einen warmen Mantel für ein sehr schlankes junges Mädchen, einen großen Kleiderschrank für eine Familie, die seit 14 Monaten ohne zurechtkommen musste.

Als Bufdi gut vernetzt

Andererseits bin ich hier im Netzwerk allmählich so bekannt, dass meine Hilfe auch von Kolleginnen für Hilfebedürftige angefragt wird: Ein junger Schwarzafrikaner ist zweimal erfolglos zu einer Behörde gefahren. Eine deutsche Frau an seiner Seite bewirkte beim dritten Besuch, dass die angeblich nicht angekommenen Papiere doch aufgefunden wurden oder gar nicht von Nöten sind! Eine Schülerin hatte die Vorbereitung auf einen Geographietest nur halb mitbekommen und geriet nun in Panik vor dem Testtermin...Eine junge Dame ist im Vorkurs und muss bis zum März so viel Deutsch verstehen, dass sie ein Diplom erwerben und endlich unter deutschen Mitschülern ihre Schulzeit weiterführen kann ...

Spannende Aufgaben

Immer wieder kommen andere spannende Aufgaben auf mich zu, denen ich mich gern widme. Aktuell sind das:

  • Einladungen von arabisch sprechenden Frauen zum Spielen bei mir zuhause. Beim Uno-Spielen muss man Sätze sagen wie: „Da liegt eine grüne Fünf, ich lege eine gelbe Fünf.“ Oder: „Ich habe keine passende Karte und muss eine nehmen.“ Das macht Spaß, fördert das Vertraut-werden mit der noch fremden Welt hier und ist nett in der Gemeinschaft von Frauen in der gleichen Situation.
  • Inzwischen habe ich zwei Gruppen für Hausaufgaben-Hilfe, für 5./6. Klasse und für 2.-4. Klasse, die jeweils dreimal pro Woche laufen. Außerdem haben mehrere arabisch-sprechende Erwachsene darum gebeten, ihre frisch erworbenen Deutschkenntnisse mit mir erweitern zu können. Wegen unterschiedlicher „Levels“ sind da auch mehrere Termine nötig.
  • Da inzwischen keine Möbeltransporte mehr stattfinden, wird nun gelegentlich mein etwas größerer PKW für den Transport von Teppichen und Hausrat benötigt. So kommen immer wieder neue Aufgaben, auf die ich oder ein Team flexibel reagieren kann.
  • Sobald das Wetter besser wird sollen wieder kleine Einsätze im hiesigen Gemeinschaftsgarten neben dem Hochhaus am Lüssumer Ring stattfinden. Gemeinsam mit einer Gärtnerin soll demnächst gepflanzt werden.
  • Sobald es Frühling wird, hoffe ich eine Großaktion starten zu können, die im ganzen Wohngebiet hier die Aufmerksamkeit auf die Müll-Trennung und -Entsorgung lenkt. Es soll ein vergnügliches Spektakel werden und hoffentlich für eine allgemeine Verbesserung der Lebensqualität hier im Stadtteil sorgen.

Da ich festgestellt habe, dass viele der hier lebenden Migranten / Geflüchteten von Bremen nur die Ämter, Schulen und Ärzte kennen, möchte ich gern auch noch kleine Ausflüge zu den Schönheiten unserer Stadt anbieten: Wallanlagen, Böttcherstraße, Schnoor Roland und Zentrum sowie Bürgerpark und so.


von Barbara Wünsch, Bundesfreiwillige
Februar 2017


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