"Das große Problem in der Pflege kommt erst noch"

12.05.2017

Gespräch zum Tag der Pflege im Altenpflegeheim Kirchweg / Teetafel mit Sarah Ryglewski

von Anke Mirsch - Verein für Innere Mission in Bremen

Heimbewohner, Mitarbeitende und -leitung des Altenpflegeheims Kirchweg der Inneren Mission diskutierten gemeinsam mit MdB-Mitglied Sarah Ryglewski und Landesdiakoniepfarrer Manfred Meyer aktuelle Belange der Pflege. Eingeladen zu dem Austausch hatte die Diakonie Bremen in Kooperation mit dem Altenpflegeheim anlässlich des „Tag der Pflege“ am 12. Mai. Bei einer liebevoll gedeckten Teetafel in der Cafeteria des Heims kamen Themen zur Sprache, die die Pflegeeinrichtung aktuell, aber zum Teil auch schon seit Jahren beschäftigen.

Mit großer Sorge sieht Pflegefachkraft Johannes Schenk die zunehmend älter werdende Belegschaft. „Die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen sind 20 Jahre älter als ich und scheiden bald aus. So viele neue Pflegekräfte können wir gar nicht gewinnen, um die Lücke bei steigendem Bedarf noch auszugleichen“, prognostiziert er ein düsteres Bild. Zwar gewinne man Fachkräfte aus dem Ausland, „aber dann bleiben dort ganze Landstriche pflegerisch unversorgt“, macht Landesdiakoniepfarrer Manfred Meyer auf die Folgen aufmerksam. Durch zu wenig Personal bestände die große Gefahr, dass Pflege zur reinen Akkordarbeit abdrifte, warnt SPD-Politikerin Sarah Ryglewski. „Dann fällt das Kümmern um seelische Belange schnell unter den Tisch und reduziert sich auf Körperpflege und Organisation.“ Doch genau das Zwischenmenschliche sei es, worauf es den Bewohnern der Einrichtung ankomme, verdeutlicht die stellvertretende Vorsitzende des Bewohnerbeirates und Heimbewohnerin seit zwei Jahren, Eleonore vom Hagen. „Ich hab mein eigenes Haus gehabt und war darin ganz alleine. Hier hab ich Gesellschaft, kann mich unterhalten und es gibt Angebote. Das ist viel besser für mich.“

Für Heimleiterin Andrea Bussen steht fest, dass es verstärkter Anstrengungen bedarf, um Menschen für den Beruf der Pflege zu begeistern. Dafür bedürfe es der Lobbyarbeit und der gesellschaftlichen Anerkennung, bestand allgemeiner Konsens in der Runde. Doch auch die Arbeits- und monetären Bedingungen innerhalb der Pflegeeinrichtungen müssten stimmen. So bestehe akuter Klärungsbedarf bei der Situation der Nachtregelung, betont Meyer. „Zu wenig Mitarbeitende begleiten zu viele Bewohner in der Nacht, da kann es schnell zu Überforderungssituationen kommen.“ Auch die Freistellung für Fortbildungen sei in den Pflegeeinrichtungen ein großes Problem. Meyer: „Oft wissen die Pflegekräfte nicht, wie sie sich in den Personalplänen dafür freischaufeln sollen.“

Beinahe kurios muten die Erfahrungen von Christiane Pröllochs vom Soziales Dienst des Altenpflegheims Kirchweg an. Vorgeschrieben in der Pflege sei eine ungeheure Arbeitsteilung, meint sie. So dürfen Alltagsbegleiterinnen keinerlei hauswirtschaftlichen Arbeiten vornehmen. „Selbst dem Bewohner einen Teller anreichen ist schon untersagt“, konkretisiert Pröllochs. Ehrenamtliche wiederum dürfen keinerlei Verantwortung übernehmen, selbst wenn diese es wollen. „Das ist schon ein Desaster, wie die Realität aussieht.“ Sarah Ryglewski bringt für diese Vorgaben kein Verständnis mit. „Wenn man Tätigkeiten derart durchdekliniert, dann geht das eigentliche Zusammenleben verloren.“ Sie verspricht, das Altenpflegeheim Kirchweg erneut zu besuchen und dann mehr Zeit mit zu bringen. „Beim Thema Pflege rennen Sie bei mir offene Türen ein!“