Debatte: Was unternehmen wir gegen die Armut von Alleinerziehenden in Bremen?

26.06.2018

Bei der Debatte der Diakonie Bremen mit der Initiative Offene Gesellschaft in der Bremischen Bürgerschaft wurde viel diskutiert – über und mit Alleinerziehenden

Fotos: Karsten Klama

Fast jede dritte Familie mit einem minderjährigen Kind hat nur einen Elternteil. Mehr als die Hälfte dieser alleinerziehenden Mütter und Väter ist auf Grundsicherung angewiesen. Alleinerziehende stehen vor ganz besonderen Herausforderungen – denn alleinerziehend heißt auch alleinverdienend. Die Zahl der Frauen, bei denen Einkommen – gerade in Teilzeit –­ und Sozialleistungen nicht ausreichen, um Armut zu verhindern, wird zunehmend größer.

Um über diese Problematik zu sprechen und gemeinsam über Lösungsansätze zu diskutieren, hatte die Diakonie Bremen mit der Initiative Offene Gesellschaft zu einer Debatte in die Bremische Bürgerschaft eingeladen. Diese Debatte war in Bremen bereits die dritte einer Reihe unter der Überschrift „Welches Land wollen wir sein?“.

Zu Beginn haben die sechs Impulsgebenden jeweils ein kurzes Statement formuliert und anschließend wurde – moderiert von Martin Busch von Radio Bremen – mit den mehr als 70 anwesenden Personen diskutiert. Dabei drehte sich die Diskussion vor allem um die Frage, was die Politik tun kann, um Alleinerziehenden eine Chance zu bieten, der Armutsspirale zu entkommen. Mehr Flexibilität im Arbeitsalltag, ein breiteres Angebot an Qualifizierungsmöglichkeiten, ein Anheben der sozialen Leistungen auf ein existenzsicherndes Niveau und der Ausbau der Kinderbetreuung  waren zentrale Themen der Debatte.

„Ich denke, dass wir in unserer Gesellschaft mit der Situation der Alleinerziehenden sehr seltsam umgehen. Auf der einen Seite versuchen wir deutlich zu machen, dass Alleinerziehende für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie durch eine berufliche Tätigkeit zu sorgen haben – stellen dort also gewisse Ansprüche. Und gleichzeitig erschweren wir diese Möglichkeit durch nicht ausreichende Flexibilität in der Arbeitswelt, durch nicht ausreichende Betreuungszeiten“, sagte Landesdiakoniepastor Manfred Meyer zu Beginn der Veranstaltung. Wir sollten, so Meyer, als Gesellschaft mit diesem Anspruch anders umgehen. Darüber galt es zu diskutieren. Der Landesdiakoniepastor lobte auch besonders Alleinerziehende als Zeitjongleure, die sich neben der Familie auch für den Beruf und andere Bereiche einsetzen. „Und sie sollten auch noch Zeit für sich selbst haben. Doch sie müssen vor allem damit beschäftigt sein, herauszufinden, wo sie welche Unterstützung bekommen“, so Meyer. Es sei mehr als schwierig und zeitaufwendig, sich durch diesen Dschungel der Förderungsmöglichkeiten zu kämpfen. Auch deshalb plädierte der Landesdiakoniepastor für eine Kindergrundsicherung.

Ingeborg Danielzick, Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, die selbst einige Zeit alleinerziehend war, lies in ihrem Eingangsstatement die Alleinerziehenden zu Wort kommen, indem sie aus Interviews ihrer aktuellen Ausstellung Mittenmang zitierte: „Ich empfinde das Alleinerziehendsein als Lust, als Last überhaupt nicht. (…) Klar gibt es auch Situationen, die belastend sind. Man hat einen Termin und niemand kann auf das Kind aufpassen. Was macht man jetzt? Und dann muss ich fragen, ob ich sie mitbringen kann. Im Jobcenter heißt es dann: Ja, aber zum Bewerbungsgespräch gehen Sie ja auch nicht mit dem Kind“. Die Zitate waren kritisch aber auch positiv, je nach individueller Lebenssituation der Alleinerziehenden. Ein deutliches Bild zeichnete ein Zitat zur Wohnungsnot in Bremen: „Ich bin auf der Suche nach einer Wohnung. Ich bin in einer sehr schwierigen Situation. Ich bin alleinerziehend und habe drei Kinder. Überall werden wir abgelehnt, obwohl es manchmal vier-Zimmer-Wohnungen sind. Aber wenn die sehen, da ist nur ein Erwachsener…Das ganze Umfeld ist total unsympathisch wenn es Alleinerziehende betrifft. Es gibt viele Vorurteile: man ist faul, man ist gerne Hartz-IV-Empfängerin – sogar bei den Kindern in der Schule…auch, weil wir Migrationshintergrund haben. Das ist so schwierig und mir tun meine Kinder immer sehr leid.“ 

„Das Thema der Armut der Alleinerziehender ist erkannt und es gibt punktuell eine Menge Dinge, die getan werden in Bremen“, lobte die Bürgerschaftsabgeordnete Birgit Bergmann (FDP). Was fehle, so kritisierte sie, sei aber eine Analyse, was es schon gibt, und ein langfristiges strategisches Konzept, das beim Kindergartenalter anfängt über Schule, Berufsberatung, Uni bis hin zur Personalentwicklung. „Für die, die gar keinen Berufsabschluss haben, ist es ganz wichtig, dass wir assistierte Teilzeitausbildungsmöglichkeiten mit Kinderbetreuung haben“, so Bergmann. Kleine Schritte in der Ausbildung seien wichtig, um mit Qualifizierungstreppchen eine Ausbildung auch als Alleinerziehende absolvieren zu können. Als neuen Aspekt brachte Birgit Bergmann auch die Möglichkeiten der Digitalisierung in die Diskussion ein und schlug außerdem einen Kita-Abholdienst zur Entlastung von Alleinerziehenden vor.

Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen, knüpfte an die Worte von Ingeborg Danielzick an, indem er betonte, dass es nicht „die Alleinerziehende oder den Alleinerziehenden“ gebe: „Alleinerziehende sind ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Es gibt alleinerziehende Selbstständige, Fachkräfte, Führungskräfte, Arbeitslose, Studentinnen und Studenten. Alleinerziehend bedeutet nicht eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe zu sein.“ Auch war es ihm wichtig zu betonen, dass es sich nicht um eine sogenannte gesellschaftliche Randgruppe handle und schon gar nicht um eine gesellschaftliche Problemgruppe. Er verwies auf eine Untersuchung der Arbeitnehmerkammer, bei der deutlich wurde, dass Alleinerziehende einen großen Wunsch haben, finanziell unabhängig zu sein und diese Unabhängigkeit über Arbeit herzustellen – auch als Vorbild für ihre Kinder. Und so habe es die Untersuchung auch gezeigt: Arbeit sei für die Alleinerziehenden ein wichtiger Faktor, um im Kontakt mit anderen Menschen zu stehen und Netzwerke zu bilden.

Die Senatorin für Kinder und Bildung Dr. Claudia Bogedan (SPD) begann ihr Statement mit sehr persönlichen Worten. Selbst als Tochter einer Alleinerziehenden hatte sie bei den Zitaten, die Frau Danielzick vorgelesen hatte, sofort ein Bild vor Augen. „In den 80er Jahren auf dem Land war es noch keine gesellschaftliche Realität. Heute ist Alleinerziehendsein tatsächlich gesellschaftliche Realität“, betonte die Senatorin. Deshalb sei es ihr wichtig, nicht so viel über die Menschen zu sprechen, sondern tatsächlich zu schauen, was die eigene Aufgabe sein kann. Aufgabe der Politik sei es Strukturen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle Menschen in dieser Gesellschaft gut leben können. Dazu gehöre es auch, eine Familienpolitik zu machen, die anerkenne, dass Familien ganz unterschiedlich sind. „Ich würde da gerne bei Herrn Meyer anknüpfen. Wir haben immer noch ein Ehegattensplitting. Das ist eine der Grundursachen dafür, warum verheiratete Paare so viel besser dastehen – besonders wenn das Einkommen ungleich verteilt ist. Ich habe gerade den Lohnsteuerjahresausgleich gemacht und es treibt einem politisch die Tränen in die Augen“, so Bogedan. Es sei schließlich kein Verdienst verheiratet zu sein und es sei auch kein Verdienst, wenn man in der Ehe ungleich verdiene. An diesem Punkt sei es wichtig, sich auf Bundesebene für eine andere Familienpolitik stark zu machen. Sonst könne man sich kommunal „abstrampeln“, denn Armut sei etwas, das über den Geldbeutel massiv bestimmt werde. Und dafür seien finanzpolitische Rahmenbedingungen maßgeblich. 

Das sechste Statement kam von dem Spitzenkandidaten der CDU Bremen Carsten Meyer-Heder, der es trotz der vielen bereits zuvor benannten Punkte schaffte, neue Aspekte in die Diskussion einzubringen. Es sei wichtig es Alleinerziehenden zu ermöglichen, in den Arbeitsmarkt einzukehren, damit diese dort Netzwerke ausbilden können. „Dazu müssen wir Rahmenbedingungen schaffen – das ist uns allen bewusst. Natürlich brauchen wir eine vernünftige Kita, natürlich brauchen wir eine Ganztagsschule“, sagte Meyer-Heder und knüpfte damit an seine fünf Vorredner an. Als neuen Aspekt brachte er die Stärkung der Wirtschaft ein. „Wir brauchen das Potential von Alleinerziehenden auf dem Arbeitsmarkt. Es werden sonst keine Erzieher, keine Lehrer mehr nach Bremen ziehen. Es greift alles ineinander, aber wir werden es nie schaffen, jeden Arbeitsplatz als Halbzeitarbeitsplatz auszulegen. Es gibt einfach Jobs, die kann ich nicht in 20 Stunden machen. Wir müssen insgesamt ein breiteres Angebot an Jobs haben“, betonte Meyer-Heder. Dafür sei auch das Gespräch mit den Unternehmen wichtig, denn es gäbe viele moderne Möglichkeiten Alleinerziehende zu beschäftigen. Ein Beispiel brachte er aus seinem eigenen Unternehmen, wo es ein Projektoffice mit acht Sekretärinnen gäbe, von denen vier Alleinerziehende seien, die in Teilzeit arbeiten. Dabei das Besondere: Das Team  organisiere sich selbst und sei selbst dafür zuständig abzusprechen, wer wann arbeiten kann. Das funktioniere sehr gut und sei eine gute Möglichkeit, Alleinerziehende mitzunehmen. Wichtig sei es dafür nur, kreativ und neu zu denken.

In der folgenden Diskussion kamen alle Anwesenden, die sich äußern wollten, zu Wort. So entstand eine lebhafte Diskussion – ganz im Sinne des Konzepts für diese Debattenreihe der Initiative Offene Gesellschaft und der Diakonie Bremen.