Debatte: Welches Land wollen wir sein? Wie arm ist Bremen?

24.01.2017

Unter dieser Überschrift veranstalteten die Diakonie Bremen und die Initiative Offene Gesellschaft am Montag, 23. Januar, gemeinsam eine Debatte mit prominenten Impulsgebenden im Überseemuseum.

 

© Fotos: Karsten Klama

Zentrales Thema der Debatte mit Senatorin Anja Stahmann, der FDP-Fraktionsvorsitzenden Lencke Steiner, Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, dem Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen Cornelius Neumann-Redlin, dem Sprecher des Aktionsbündnisses Menschenrecht auf Wohnen Joachim Barloschky und Landesdiakoniepastor Manfred Meyer war die hohe Armutsquote in Bremen. Nach kurzen Impulsen von den prominenten Gästen gab es für die Besucher der Veranstaltung die Möglichkeit, sich in die Diskussion einzubringen. Dieser Einladung sind mehr als 70 Personen gefolgt. So entstand, moderiert von Andre Wilkens (Mitglied des Vorstands der Initiative Offene Gesellschaft), eine offene und vor allem lebendige Diskussion.

„In einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass es nur Gewinner und Verlierer gibt, ist es wichtig, dass die Menschen, die sich als Verlierer fühlen, nicht aus dem Blick geraten“, betonte Manfred Meyer bei seinen Eingangsworten. Reichtum sei schließlich keine Frage der zur Verfügung stehenden Mittel, sondern eine Frage der gerechten Verteilung. Auch forderte Meyer stärkere Bemühungen um einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt. Den Pass-Aktiv-Transfer schlug er dafür als Modell vor. „Demokratie kann auf Dauer nur gelingt, wenn auch die sozialpolitischen Herausforderungen angemessen gelöst werden“, betonte Meyer. Bremen sei ein armes Land – ein Land in dem etwa 15.000 Menschen schon länger arbeitslos sind, für immer mehr Menschen bezahlbarer Wohnraum fehlt und für Kinder nicht genug Plätze in den Kindertageseinrichtungen zur Verfügung stehen.

„Wenn jedes dritte Kind in Armut lebt, stimmt mich das traurig“, betonte auch Lencke Steiner. Das sei nicht hinnehmbar. Für sie sei es sehr wichtig, dass Kinder eine Zukunft haben und ihnen Perspektiven ermöglicht werden. Dies beginne damit, dass den Kindern genug Kita-Plätze zur Verfügung stehen. Es sei außerdem wichtig,  den in Armut lebenden Erwachsenen eine Chance zu geben. Gerade die Struktur der kleinen und mittelständischen Unternehmen könne dazu beitragen, dass Menschen eine Chance haben, wieder eine Arbeit zu finden.

Präsident Lilie, einer der ersten Unterstützer der Initiative Offene Gesellschaft, betonte, wie wichtig für ihn solche Debatten seien: „Miteinander reden, das Hingehen zu den Leuten, das vermissen viele Menschen in diesem Land. Deshalb lasst uns diese Debatten führen.“

Cornelius Neumann-Redlin sprach in seinen Eingangsworten über die Teilhabe und über Arbeitslosigkeit. „Es gibt Straßenzüge, in denen man nicht mehr erkennt, ob es Sonntag oder Montag ist“, so Neumann-Redlin. Gerade auch mit Blick auf die Kinder, müsse das dringend geändert werden.

Sozialsenatorin Anja Stahmann nahm das Thema der Teilhabe ebenfalls auf: „Wir haben ein Problem mit der Teilhabe. Armut ist ein Skandal und gefährdet die Demokratie.“ Unter Beifall des anwesenden Publikums betonte sie, dass in ihren Augen eine offene Gesellschaft Bildung, Arbeit und bezahlbaren Wohnraum brauche. Joachim Barloschky heizte als letzter Impulsgebender die Diskussion nochmal an, in die die Anwesenden gerne einstiegen: „Unser Land ist nicht sozial gerecht. Viele Dinge der Teilhabe sind nur möglich, wenn die finanzielle Grundlage dafür da ist.“

Die Anwesenden stellten kritische Fragen und erzählten auch von ihren ganz persönlichen Schicksalen. So berichtete eine Frau, dass sie mit ihrer geringen Rente große Schwierigkeiten hätte, eine Wohnung zu finden. Die Fahrkarte für die Straßenbahn könne sie sich nicht leisten. Daher fahre sie trotz Krankheit möglichst alle Strecken mit dem Rad. Von ähnlichen Erfahrungen sprachen auch andere Menschen, die sich zu Wort meldeten.

Teilhabe erfordert eine finanzielle Grundlage, wie Joachim Barloschky betonte. Gerade deshalb sei das „Markensterben“ in Bremen aber auch so bedenklich, so Lencke Steiner. Kellogs habe bereits dicht gemacht, Modelez baue Stellen ab – solche Entwicklungen würden Arbeitsplätze in Bremen vernichten, betonte die FDP-Fraktionsvorsitzende.

Die Unzufriedenheit aufgrund von Arbeitslosigkeit und Armut kam durch die Anwesenden immer wieder zur Sprache – und auch eine gewisse Unzufriedenheit mit der Politik. Warum dann nicht die AfD gewählt werden sollte, warf einer der Anwesenden ein. Dazu meldete sich Sozialsenatorin Anja Stahmann sofort zu Wort: „Bevor Sie die AfD wählen, sprechen sie mit mir. Laden Sie mich ein, ich komme auch zu Ihnen nach Hause und diskutiere auf dem Sofa mit Ihnen.“ Ein Angebot, dem sich auch andere Impulsgebende gerne anschlossen.

Es wurde auf allen Seiten deutlich: Über diese Fragen und Themen möchten die Menschen mit ihren verschiedenen Perspektiven diskutieren – die Diakonie und die Initiative Offene Gesellschaft wollen deshalb auch gerne weiterhin diese Debatten anstoßen.

 

Hinweis:

Eine weitere Debatte dieser Reihe findet im Mai 2017 statt. Hier mehr erfahren >