Diakonie für bezahlbaren Wohnraum

12.09.2012

Ein neu gegründetes Bündnis aus Kirche und Gesellschaft fordert im Land Bremen eine Wiederbelebung des sozialen Wohnungsbaus.

"Tausenden mit geringem Einkommen gelingt es nicht mehr, eine menschenwürdige und bezahlbare Wohnung zu bekommen", kritisierte der Sprecher des "Aktionsbündnisses gegen Wohnungsnot" in Bremen, Joachim Barloschky. Betroffen seien längst nicht nur Obdachlose, sondern auch Menschen mit ausländischen Wurzeln, Studierende, Familien, Alleinerziehende und Rentner.

Das Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen hat ein erstes öffentliches Gespräch zum Thema Wohnungsnot in Bremen mit dem Senator für Bau, Umwelt und Verkehr, Joachim Lohse (Grüne), und Dr. Karl Bronke, Abteilungsleiter Soziales bei der Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen, organsiert.

Hier finden Sie den Einladungsflyer zur Veranstaltung>

Unter den Wohnungssuchenden gebe es einen Verdrängungswettbewerb, bei dem Obdachlose die Verlierer seien, sagte der Leiter der diakonischen Wohnungslosenhilfe, Bertold Reetz. So sei die Zahl der wohnungslosen Menschen allein in Bremen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent auf fast 850 Betroffene gestiegen. "Das ist ein bundesweites Problem", bekräftigte Reetz. In Bremen und auch anderswo entstehe fast nur noch Wohnraum für Besserverdienende. "Die Menschen, die sich das nicht leisten können, werden vergessen."

Landesdiakoniepfarrer Michael Schmidt mahnte, die einzelnen Gruppen der Betroffenen würden auf dem Wohnungsmarkt gegeneinander ausgespielt. "Das darf nicht sein, Wohnen ist ein Menschenrecht", sagte der leitende evangelische Theologe. In Artikel 14 der Bremer Landesverfassung heißt es, jeder Bewohner der Freien Hansestadt Bremen habe Anspruch auf eine angemessene Wohnung: "Es ist Aufgabe des Staates und der Gemeinden, die Verwirklichung dieses Anspruches zu fördern."

Das Bündnis will deshalb in nächster Zeit politischen Druck für einen "Aktionsplan bezahlbarer Wohnraum" erzeugen. Wer sich dafür engagieren wolle, sei zum nächsten Treffen des Bündnisses am 4. Juni eingeladen, betonte Landespfarrer Schmidt. Am 4. Juli ist eine öffentliche Veranstaltung gegen die Wohnungsnot in Bremen geplant, zu der Vertreter aus der Politik eingeladen werden sollen.

 

 

Die Erklärung des Aktionsbündnisses:
                                                       
Wir sind in Sorge um das „Menschenrecht auf Wohnen“ in unserer Stadt.
In der Zeit von Januar bis März 2012 stand die Kirche Unser Lieben Frauen jeden Montag Menschen offen für Gäste. Die Gäste der Winterkirche sind zum großen Teil in Wohnungsnot, von Wohnungsnot bedroht oder wohnen in Verhältnissen, die kaum zumutbar sind.
Ausgehend von unseren Erfahrungen in der Winterkirche haben wir uns mit Mitarbeitenden weiterer Arbeitsbereiche und Einrichtungen zusammengeschlossen, die sich um soziale Fragen unserer Stadt kümmern. Wir engagieren uns gemeinsam für eine bessere Wohnungspolitik in Bremen.
Tausende Bürger/innen unserer Stadt  sind in großer Sorge, zum Teil verzweifeln sie, weil es ihnen nicht gelingt, eine menschenwürdige und bezahlbare Wohnung zu bekommen:

-    die Wohnungslosen und von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen,
-    diejenigen, die aktuell bei Freunden, Verwandten unterkommen müssen,
-    Familien mit geringem Einkommen, die Platz brauchen für ihre Kinder,
-    Menschen, die mit knapper Rente, als Alte oder mit einer Behinderung Lebende eine
     passende bezahlbare Wohnung in ihrem Quartier suchen,
-    Menschen in dringend sanierungsbedürftigen Wohnungen, die als
     Spekulationsobjekte aufgekauft wurden und zu „Schrottimmobilien“
     verrotten,
-    etliche Studierende, die kein Quartier gefunden haben,
-    manche Bürgerinnen und Bürger, die es als Migrantinnen und
     Migranten schwer haben, Wohnraum zu finden.

Wir stellen folgende Fragen:
•    Wie steht es in Bremen mit dem Menschenrecht auf Wohnen?
•    Wie viele Familien melden in Bremen wegen beengter oder unzumutbarer
      Wohnungen dringenden Wohnraumbedarf an?
•    Wie hoch ist der Anteil öffentlich geförderter mietpreisgebundener
      Wohnungen in Bremen?
•    Wie viele Sozialwohnungen in Bremen gab es vor 5 und 10 Jahren?
•    Wann und in welchem Umfang werden neue Sozialwohnungen gebaut?

Wir erfahren, dass die Anzahl der so genannten Belegwohnungen in den letzten 10 Jahren stark zurückgegangen ist, dass aber die Zahl der Wohnungslosen seit 2008 wieder ansteigt.•    Wir fragen, wie hoch ist der Bedarf an „Belegwohnungen“ und wie hoch      die Zahl der zur Verfügung stehenden „Belegwohnungen“? Wie viele       „Belegwohnungen“ gab es vor 10 Jahren, wie viele heute?Wir erfahren, dass mehrere Sanktionsmaßnahmen wegen „mangelnder Mitwirkung“ bei ALG II Empfängerinnen und Empfängern unter Umständen dazu führen können, dass das ALG II gestrichen wird, inkl. der Kosten der Unterkunft. Das führt zu neuer Obdachlosigkeit. •    Wir fragen, wie viele Menschen sind dadurch obdachlos geworden?•    Wir setzen uns dafür ein, dass Sanktionen nicht zum      Verlust der Wohnung führen dürfen.Wir erfahren, dass bei einem Mieterwechsel häufig drastische Mieterhöhungen vorgenommen werden, die zur Folge haben, dass Menschen mit geringem Einkommen aus „attraktiven“ Quartieren verdrängt werden. Wir erfahren außerdem, dass vermehrt private Studentenheime mit überteuerten Mieten gebaut werden, die an der Lebensrealität der Studierenden vorbeigehen. •    Wir fragen, welche Konzepte entwickelt die Stadt gegen      die Gentrifizierung (Aufwertung und Verdrängung)      verschiedener Stadtteile? Wir sind sehr besorgt um die Wohnsituation in den ehemaligen Sozialwohnungen oder anderweitig geförderten Wohnungen, die inzwischen in die Hände von wirtschaftlichen Ausbeutern der Bausubstanz geraten sind. Die Folge sind häufig fehlende Instandsetzung und Modernisierung. Das führt zum Teil zu menschenunwürdigen Wohnbedingungen.•    Wir fragen, welches Konzept entwickelt die Stadt Bremen,      um dieser Entwicklung entgegen zu wirken?Wir sehen die Entwicklung einer sich zunehmend spaltenden Stadt in arm und reich mit sich entmischenden Stadtteilen.Wir denken, dass es nicht richtig sein kann, dass Bauträger bei der Planung von größeren Bauprojekten berücksichtigen müssen, z.B. genügend Park- oder Spielplätze einzuplanen, aber nicht, wie mindestens ein Teil der Wohnungen zu sozialverträglichen Preisen vermietet werden kann. In der aktuellen Tagespresse können wir fast wöchentlich etwas über die hochpreisigen neuen Wohngebiete unserer Stadt lesen.•    Wir fragen: wie hoch sind die Entwicklungskosten, die von der     Stadt für die Bereitstellung der „Sahnestücke“ in der Überseestadt     oder auf dem Stadtwerder für den Verkauf an Investoren ausgegeben     werden. Wir möchten wissen, welches Konzept die Stadt Bremen verfolgt,     um das Fortschreiten der sozialen Spaltung der Stadt zu verhindern.•    Wir setzen uns dafür ein, dass das Wohngeld  an die ständig      steigenden Heizkosten angepasst wird. •    Wir setzen uns dafür ein, dass Fördermittel      („WiN“-Mittel“/“Soziale-Stadt“ –Mittel) für benachteiligte      Wohnquartiere nicht gekürzt werden.•    Wir setzen uns dafür ein, dass neue Initiativen unterstützt werden,      die sich um selbst organisierte Instandhaltung und Modernisierung      von Wohnungen bemühen.Wohnen ist ein Menschenrecht! Es darf nicht den Marktgesetzen unterworfen werden.Wir setzen uns ein für einen „Aktionsplan bezahlbarer Wohnraum“ in Bremen und laden alle, die unser Anliegen teilen, ein, sich der Initiative anzuschließen und in einem Aktionsbündnis mitzuarbeiten.? ? Wir laden ein zu einer öffentlichen Veranstaltung gegen die Wohnungsnot in Bremen:04.07.2012, 18.00 Uhr, Kirche Unser Lieben Frauen           (der Bausenator hat zugesagt, Vertreter des Sozialressorts sind eingeladen)? ? Wir laden ein zum nächsten Treffen des Aktionsbündnisses:04.06.20012, 16.30 Uhr, Diakonisches Werk Bremen, Contrescarpe 101Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen: Joachim Barloschky, ehemaliger Quartiersmanager TeneverKristina Bulling, Leiterin der Winterkirche der Gemeinde Unser Lieben FrauenAzad Dere, Asta Hochschule BremenAngelika Dornhöfer, WinterkircheSimon Eichmann, Hochhaus-SozialarbeiterReinhard Josties, Geschäftsführer Deutscher Mieterbund Mieterverein Bremen e.V.Tuncay Karaman, Mieter helfen Mietern e.V.Reinhard Kern, Gast der Winterkirche          Pia Liepe, Asta Universität BremenJonas Pot d’Or, Streetworker, Verein für Innere Mission BremenBertold Reetz, Bereichsleiter Wohnungslosenhilfe, Verein für Innere Mission BremenMichael Schmidt, Landespfarrer, Geschäftsführung Diakonisches Werk Bremen Harald Schröder, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, Bremische Evangelische KircheGudrun Steenken, WinterkircheKontakt: Bertold Reetz, Verein für Innere Mission Bremen, Friedrich-Rauers-Str. 30, 28195 Bremen