Diakonische Positionen zu Gesundheit, Rehabilitation und Pflege

09.06.2017

Verbandskoordinator Dr. Jürgen Stein zu den Drehtüreffekten im Suchthilfesystem

Als Drehtüreffekte werden seit langem Missstände in Hilfe-Feldern wie Psychiatrie, Suchthilfe oder Rehabilitation bezeichnet, in denen Menschen (auch nach durchaus erfolgreicher Behandlung) bald in die Einrichtung zurückkehren müssen, weil sich der Zustand in ihrer Umgebung rasch wieder verschlechtert. In Gesprächen während der Bremer Suchtwoche, die in diesem Jahr von der Bremischen Landesstelle für Suchtfragen organisiert wurde, wurde dieser Effekt wieder einmal deutlich formuliert. „Wenn Menschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen zur Entgiftung in eine Klinik gehen, dann aber zuhause keine weitere Unterstützung erhalten, besteht ein hohes Risiko, dass sie wieder rückfällig werden“, betont Verbandskoordinator Dr. Jürgen Stein. Abhilfe könnte ein 24-Stunden-Krisendienst schaffen, bei dem Ärzte oder Psychiater bei einem Anruf entweder am Telefon oder auch persönlich in der Situation der Krise helfen. „Das gab es lange – wurde dann aber in ganz Deutschland und zuletzt auch in Bremen abgebaut“, so Dr. Stein. Es sei nie am Sinn und Zweck dieses Krisendienstes gezweifelt worden – Kostengründe seien hingegen ausschlaggebend gewesen. „Das darf aber kein Grund sein – denn wenn jemand Zuhause wieder in eine Krise gerät und wieder in die Klinik muss, ist er wieder mittendrin im Drehtüreffekt. Und auch dieser kostet natürlich“, so Dr. Stein.  
Auch der Bundesverband, die Diakonie Deutschland, fordert in „Diakonische Positionen zu Gesundheit, Rehabilitation und Pflege“, dass im Rahmen der Weiterentwicklung der Psychiatrie und des Suchthilfesystems die Grundversorgung abgesichert und ausgebaut werden muss. Es wird kritisiert, dass in vielen Regionen niederschwellige Krisendienste, die rund um die Uhr in Anspruch genommen werden können, fehlen.
Ein weiterer Weg, um den Drehtüreffekt zu minimieren, könnte die Erleichterung des Zugangs zu Rehabilitationen sein. „Wer sich in der Klinik entgiften lässt, dann aber ohne weitere Hilfe nach Haus geht, steht vor einem großen Problem – und das ganz allein. Wenn der Zugang zu Rehabilitationen erleichtert würde, wäre das schon eine große Hilfe“, betont Dr. Stein. Ein vorbildliches Projekt zur Förderung des Zugangs zur Suchtrehabilitation gibt es bei der Bremischen Landesstelle für Suchtfragen, das durch die Deutsche Rentenversicherung Oldenburg-Bremen beauftragt wurde.
„Es ist wichtig, dass durch solche Projekte oder auch durch einen dringend notwendigen Krisendienst die Zahl der Drehtüreffekte verringert wird“, sagt Dr. Stein. Das Diakonische Werk Bremen hatte zuletzt auf einem international besuchten Workshop im Atelier der Bremer Künstlerin Anja Fußbach zum Thema Drehtüren gearbeitet, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Türflügel wurden mit Motiven bemalt oder beklebt, die zum Bespiel vergitterte Strukturen oder auch Hoffnungssymbole zeigen. Auf vier drehbare Untersätze montiert und in Bewegung gesetzt, entstehen kontrastreiche Bilder und mehrdimensionale Effekte auf der Suche nach Gerechtigkeit und Solidarität. An diesen Workshops im Rahmen der Erasmus+ Partnerschaft „Art of Inclusion" haben neben Freiwilligen, Besucherinnen und Besucher der Tageseinrichtungen Wichernhaus Bremen auch Casa Irisz Sfantu Gheorghe (Rumänien), Uniamoci Onlus Palermo (Italien) und Centro Santo Mártires  mitgewirkt. Es stellte sich dabei heraus, dass der beschriebene Drehtüreffekt auch in den anderen Ländern (leider) gut bekannt ist.