Ein ganz neues „zweites Leben“

25.11.2015

„Querdenkerinnen sind bei uns zu Hause“ – mit Slogans wie diesen werben die sieben diakonischen Altenhilfeeinrichtungen für ihre Angebote von „Raum für mein Leben“. Die Individualität der Bewohnerinnen und Bewohner steht im Vordergrund, so dass sich auch echte Querdenkerinnen in der Einrichtung wohl fühlen.

© Gruse/Diakonie

„Ich habe mein Leben lang immer etwas quergedacht“, sagt Ursula Herkströter. Die 88-Jährige sitzt auf ihrem Bett und lächelt. Ihre Eltern sind oft umgezogen, so dass sie immer mal wieder die Schule wechseln musste. Geschadet habe ihr das aber nicht. „Obwohl man sich schon wundern konnte, dass ich bei den vielen Wechseln nicht in die Sonderschule gekommen bin“, sagt sie lachend. Durch den zweiten Weltkrieg sei ihre Familie gut gekommen, ihr damaliger Wohnort Minden sei kaum zerstört worden. Trotzdem waren erst einmal alle Schulen geschlossen. „Mein Vater wusste schon früh, schon 1941, dass der Krieg verloren war“, so Herkströter. Er sei unsicher gewesen, ob man nach dem Krieg überhaupt noch Deutsch würde sprechen dürfen. Deshalb hat er seiner Tochter geraten, schnell und intensiv Englisch zu lernen. Für Ursula Herkströter war das ein Glück – schließlich lebten sie bald in der britischen Zone. „Es sprach sich herum wie ein Lauffeuer, das ich Englisch sprechen konnte“, erinnert sich Herkströter. So war es mit ihrer Hilfe möglich, sich mit den jungen Soldaten zu verständigen. Einige seien auch verliebt gewesen – dank Ursula Herkströters Hilfe. Sie übersetzte nämlich die Liebesbriefe und hat dann gerne auch nochmal einen romantischen Satz dazugeschrieben. „Das hat ohnehin keiner gemerkt“, sagt sie lachend.

Die Zeit als Liebesbote war nur einer von vielen Momenten in denen Ursula Herkströters etwas quergedacht hat. Auch ihr Berufswunsch war zu der damaligen Zeit ungewöhnlich: „Ich wollte Werbegrafikerin werden. Aber mein Vater sagte: Willst du Trümmer illustrieren?“ Schließlich ging sie auf die Handelsschule und wurde sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Gewerkschaftsbund eingestellt. Ein paar Jahre später zog sie nach Bochum und war dort im Bereich der Sozialarbeit tätig. „Auch dabei musste ich querdenken: Das habe ich zwar nicht gelernt, aber das schaffst du schon“, erinnert sie sich. Trepp-auf, Trepp-ab sei sie gelaufen, um den Familien zu helfen – auch in der Sträflingsfürsorge. Sie hatte viel Freude bei der Arbeit, musste aber schließlich wieder einmal umziehen. Durch die Luft im Ruhrgebiet hatte sie Heuschnupfen bekommen und ihr Arzt riet ihr an die See zu ziehen. „Da dachte ich mir, Bremen ist bestimmt an der See“, sagt Herkströter lachend. In Bremen trat sie eine Stelle für Kulturarbeit an – wieder etwas ganz anderes. „Ich fand es toll – es brachte Hobby und Beruf zusammen“, erinnert sie sich. Umdenken habe sie zwar schon müssen, aber alles, was sich geboten hat, habe sie ausgeschöpft. Nach zehn Jahren Kulturarbeit, zeigte sich aber wieder das Querdenken: „Ich dachte mir, ich suche mir lieber etwas neues, bevor die Jungen mit neuen Ideen kommen.“ Also ging sie in die Straffälligen-Betreuung. „Ich fand das spannend – warum hat derjenige das getan? Und ich konnte auch auf meine Erfahrungen aus Bochum zurückgreifen“, erklärt Herkströter.   

Ihr Leben hatte zwar viele Wendungen, aber alles in allem sei es ihr gut ergangen. „Ich bin auch nie krank gewesen – nur vielleicht mal ein Schnupfen“, betont sie. Doch dann veränderte sich alles: „Plötzlich hatte ich innere Blutungen und bin zusammengeklappt.“ Zum Glück sei sie gefunden und ins Krankenhaus gebracht worden. „Meine Nachbarin hat mir das Leben gerettet, denn sie sagte der Ärzten, dass ich Marcumar nehme.“ Als sie wieder aufwachte, gratulierte ihr die Stationsschwester zum „zweiten Leben“. Dieses zweite Leben sieht anders aus, als ihr wechselhaftes Leben zuvor. „Ich kam nach dem Krankenhaus in das Altenpflegeheim Kirchweg und hier lebe ich nun seit mehr als vier Jahren“, so Herkströter. Hier fühle sie sich wohl und habe besonders große Achtung vor dem Pflegepersonal, das täglich so viel leisten muss. „Manche  Menschen sind voll auf die Pflege angewiesen.“ So beispielsweise Menschen mit Demenz. Mit diesen Menschen immer freundlich und respektvoll umzugehen, sei sicher keine leichte Aufgabe, vermutet Herkströter. „Ich bin immer noch klar im Geist und dafür bin ich dankbar.“ Positives Denken sei für sie wichtig für ein erfülltes Leben – und manchmal auch ein klein wenig quer zu denken.

(erschien in Auszügen am 15. November 2015 im Weser-Report)