Ein Schlaganfall verändert das Leben

25.11.2015

„Lebenskünstler sind bei uns zu Hause“ – mit Slogans wie diesen werben die sieben diakonischen Altenhilfeeinrichtungen für ihre Angebote von „Raum für mein Leben“. Die Individualität der Bewohnerinnen und Bewohner steht dabei im Vordergrund, so dass sich auch echte Lebenskünstler in der Einrichtung entfalten können.

„Lebenskünstler sind wir doch alle“, betont Harald Theodor Thielsch. Er sitzt an seinem bunt dekorierten Schreibtisch und ringt mit den Händen. „ Das Leben ist nicht leicht“. Das hat der 59-jährige mit dem bunten Hemd und dem grauen Ziegenbart am eigenen Leib erfahren. Im vergangenen Jahr hat ein Schlaganfall sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. „Man erwartet ja nicht, so jung einen Schlaganfall zu bekommen“, betont er.

Im Münsterland lebte er zu dieser Zeit. Dort hatte er 5.000 Quadratmeter Garten, die er verschiedenen Künstlern als Ausstellungsfläche zur Verfügung gestellt hat. „Mein Kunst-Projekt war der Garten selbst“, sagt er und lächelt bei dem Gedanken. Das Pflegen des Gartens war seine große Leidenschaft. Kein Wunder also, dass er sich nicht nur um den eigenen Garten gekümmert hat. „Ich habe auch für die Mönche im nahegelegenen Klostergarten die 15.000 Quadratmeter gepflegt“, erinnert er sich. Da habe er natürlich viel zu tun gehabt – allein beim Heckenschneiden. Diese brachte er in künstlerische Formen, wie er sich beim Durchblättern alter Fotos erinnert.

„Ich vermisse das Land, aber es ist auch spannend, in der Stadt zu leben“, sagt Thielsch. Es sei vor allem eine Vorsichtsmaßnahme gewesen nach Bremen zu ziehen. Nach dem Schlaganfall wollte er ein Krankenhaus in der Nähe wissen. Im diakonischen Altenpflegeheim Kirchweg fühlt er sich daher sicher und wohl. „Die Mitarbeitenden sind sehr freundlich, aber ich mache auch nicht allzu viel Arbeit“, sagt er lachend. Auch Thielsch Zimmer wirkt keinesfalls steril - mit bunten Stoffen sowie Bildern und Erinnerungsstücken hat er es dekoriert. Zahlreiche Flohmärkte habe er besucht, um die viele verschiedenen Dekorationen zusammenzutragen. Einige der Taschen und Kleidungsstücke habe er sogar selbst gemacht. „Das habe ich hier gelernt, um wieder etwas mit den Händen zu machen.“
Andere Erinnerungen stammen aber auch von früher – so zum Beispiel die Medaillen, die über seinem Bett hängen.  Zwei Vereine hat Thielsch geführt – einer davon für Kampfsport.  „Mit dem Schlaganfall wurde mir auf einmal alles aus der Hand gerissen – die Arbeit im Garten, die sportliche Bewegung. Aber ich musste erstmal schauen, dass ich überlebe.“

(erschien in Auszügen im Weser-Kurier am 25. Oktober 2015)