Eröffnung der 57. Aktion von Brot für die Welt

04.12.2015

Predigt von Landesdiakoniepastor Manfred Meyer anlässlich des Radiogottesdiensts zur Eröffnung der 57. Aktion von Brot für die Welt

Liebe Gemeinde,
Statistiken und Zahlenkolonnen sind nicht mein Ding. Ich bewundere Menschen, die sich mit trockenen Statistiken auseinandersetzen mögen. Zwei Zahlen aber werde ich nicht los. Die stehen mir immer vor Augen Die erste Zahl: Zwei Milliarden Menschen leiden weltweit an Mangelernährung. Zwei Milliarden Menschen essen jeden Tag fast nur „Sättigungsmahlzeiten“: Es gibt immer nur Mais, Maniok oder polierten Reis. Morgen auch wieder: Mais, Maniok oder polierten Reis. Und übermorgen auch wieder: Mais, Maniok oder polierten Reis…. Jeden Tag… Einseitige Ernährung ohne Gemüse, Obst und Eiweiß führt auf längere Sicht zu bleibenden gesundheitlichen Schäden. Auf diese Situation weist die 57. Aktion von Brot für die Welt hin, die wir in diesem Gottesdienst eröffnen. Die andere Zahl: 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. So viele wie noch nie zuvor. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Völkerwanderungen über den ganzen Erdball. Menschen, die ihre Heimat verlassen. Sie suchen Schutz vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Armut. Fliehen innerhalb ihres Heimatlandes, in ein Nachbarland oder nach Europa. 1 Million Flüchtlinge werden in diesem Jahr in Deutschland Zuflucht suchen. Während wir diesen Gottesdienst feiern, riskieren unzählige Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche ihr Leben auf dem Mittelmeer und zigtausend Flüchtlinge stehen vor geschlossenen Zäunen und Toren an Europas Grenzen, weitere an den österreichischen und deutschen Grenzstationen. Ob sie im Advent ankommen bei uns? Advent heißt ja Ankunft?! Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass sie eine unbändige Hoffnung haben: Endlich in Sicherheit zu sein, denn Flucht lässt keine Ruhe finden, in keiner einzigen Sekunde. Wer über viele Wochen und Monate geflohen ist und Angst um das eigene Leben hat, für die kann ein großes, schlecht beheiztes Zelt keinen ausreichenden Schutz bieten. Wer endlich ankommen will, braucht vier sichere Wände, endlich ein bisschen Ruhe und die Sicherheit, das Elend hinter sich gelassen zu haben. Ihre Hoffnung wartet auf das Ende der Nacht, auf den Anbruch des Tages. Im Predigttext dieses Sonntags fordert uns der Apostel Paulus auf: »Legt die Waffen der Finsternis ab und ergreift die Waffen des Lichts«. Er schreibt: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ Paulus sagt hier: Wer sich von Jesus und seiner Liebe anstecken lässt, der wird wach, der schläft nicht, der sieht, was los ist. Aufstehen! Es gibt noch einiges zu richten für den, der da kommt und seinen Advent hält. Es gibt noch einiges zu tun im Gästezimmer, in der Wohnung, um das Haus herum. Wer sich von der Adventshoffnung anstecken lässt, der legt die Waffen der Finsternis ab. Man kann dies etwas moderner ausdrücken: " Lasst uns ein Leben führen, das sich am hellen Tageslicht sehen lassen kann, ohne Benachteiligung derer, die wegen ihrer kleinen Rente und hohen Miete kaum mehr zur Seniorenbegegnungsstätte gehen, weil für sie die Straßenbahnkarte zu teuer ist. Ohne die ständige Angst, zu kurz zu kommen, weil Flüchtlinge in diese Stadt kommen und mit uns leben wollen. Unterscheidet Euch von denen, die sich für die zunehmende Zahl der Obdachlosen in dieser Stadt nicht interessieren. Geht auf Distanz zu denen, die behaupten, diese Stadt sei ihre Stadt. Geht auf Distanz zu denen, die zu Fremdenfeindlichkeit aufrufen. Paulus sagt, es geht um die Waffen des Lichts, um einen Lebensstil, der dem Willen Gottes entspricht. Und dann zieht er die Konsequenz daraus für uns, für jeden einzelnen: Bleibt niemandem etwas schuldig außer dass ihr euch untereinander liebt. Denn die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung...Denn: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Musikstück Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Menschen tun das Gute um seiner selbst willen: nicht weil es ihnen Nutzen brächte, nicht weil sie sich vor Strafe fürchteten, nicht weil sie sich damit in den Medien feiern lassen könnten – sondern einfach, weil es gut ist. Weil Gott es so will. Dies Gute beschreibt Paulus mit dem Hinweis auf das uns Gebotene, die Gebote. Und fasst dann zusammen: „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ Es ist ganz klar – auch im Blick auf die jüdische Tradition der Auslegung – die Nächstenliebe ist die Zusammenfassung/ die Erfüllung des Gesetzes. Liebe zum Besten deines Nächsten. Kümmere dich um Witwen und Waisen. Sie brauchen ein Existenzminimum zum Leben. Die Armen haben ein Recht auf Unterstützung. Darum ist eine finanzielle Grundsicherung für hier Lebende und für neu zu uns Kommende kein Almosen, sondern eine solidarische Verpflichtung, die wir alle haben. Im Alten Testament gibt es noch mehr Hinweise für ein gutes und solidarisches Miteinander in der Gesellschaft: Bei der Getreideernte bleibt eine Ecke für die Armen stehen, auf den Bäumen bleiben einige Früchte für sie hängen, denn nur sie haben das Recht auf die Nachlese. Auch sie sollen leben können, nicht hungern müssen. Liebe zum Besten deines Nächsten. Christen brauchen nur zu glauben und zu lieben. Christen haben keine Gebote mehr. Sie sind frei. Das muss man nochmals wiederholen, weil es so revolutionär ist. Christen sind frei, es gibt kein ‚du musst‘, ‚du sollst‘, ‚du darfst nicht‘. Christen sind frei wie ein neuer Morgen. Woher aber sollen Christen jetzt wissen, was sie tun und lassen sollen? Niemand sagt es ihnen, was richtig ist. Paulus sagt: Vorschriften gibt es nicht mehr. Ein Christ, eine Christin kann selbst entscheiden, was richtig ist. Es ist so, du bist niemandem etwas schuldig. Außer, dass du deine Mitmenschen liebst. Das seid ihr euch schuldig. Das können deine Mitchristen von dir erwarten. Und du von ihnen. Und ein Zweites: Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses. Oder positiv gesagt: Wer liebt, tut seinen Mitmenschen Gutes. Liebe Gemeinde, schauen Sie doch bitte mit diesem Gedanken noch einmal um sich herum. Wo wären da „Baustellen“, an denen Sie aktiv werden könnten? Ab heute brennt die erste Kerze. Sie beleuchtet alles, was ich getan habe und was ich tue. Und es gibt viel zu tun: Dort, wo ich mich dafür einsetze, dass ein Flüchtling bei uns wohnen kann wie ein Einheimischer. Wo deutlich wird, dass Zelte – auch wenn sie aus der Not heraus aufgestellt werden – nicht auf Dauer geeignet sind, um Menschen eine angemessene Herberge nach einer Flucht zu bieten. Wer hier willkommen sein soll, braucht mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Braucht Menschen, die zuhören, die den Alltag verstehen helfen, die Sorgen ernst nehmen, Perspektiven für die persönliche Zukunft und das Zusammenleben in einer friedlichen Gesellschaft entwickeln. Vielleicht ist es ihnen möglich, dass Sie in die Notunterkunft für Flüchtlinge gehen und anbieten, beim Deutsch lernen zu helfen. Und weil es da zu wenig Raum gibt, um ein paar Mal die Woche die neue Sprache zu lernen, laden Sie die neue Mitbürgerin zu sich nach Hause ein, um dort in Ruhe lernen und miteinander ins Gespräch kommen zu können. Melden Sie sich zu Wort, wenn das Asylrecht in Deutschland eingeschränkt werden soll. Wenn viele Menschen abgewiesen werden, dann sind wir kein Land in dem der Fremdling willkommen ist. Das darf nicht sein. Christen wissen um die Bedeutung der Gastfreundschaft, sie muss groß geschrieben werden. Es ist für mich unerträglich, dass Flüchtlinge wieder zurück in ihr Herkunftsland müssen, nur weil es hier in Deutschland zu einem sicheren Land erklärt wird, obwohl dort nach wie vor Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft verfolgt werden. Es ist nicht zu akzeptieren, dass Menschen dahin zurück müssen, wo nach wie vor Krieg geführt wird und Menschen keine Perspektive für ein annähernd sicheres Leben haben. Deutschland und Europa müssen sich mehr dafür einsetzen, dass Menschen in ihren Herkunftsländern in Sicherheit, ohne Angst vor Verfolgung und mit einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft leben können. Darum müssen weniger Waffen und Kriegsgeräte aus Deutschland exportiert werden. Wir brauchen keine weiteren Waffen, sondern den Schulunterricht für das junge Mädchen in Afghanistan. Gerade in den Kriegs- und Krisenländern ist es notwendig, dass Häuser wieder aufgebaut, Kindergärten und Krankenhäuser da sind und jeder Mensch jeden Tag genug zu essen hat. Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützen solche Projekte gerade in den Krisengebieten dieser Welt. Wir alle wissen, Nächstenliebe hört nicht in der eigenen Familie, der Nachbarschaft oder der Gemeinde auf. Viele Bremerinnen und Bremer engagieren sich daher in den Kirchengemeinden und der Diakonie, tragen wesentlich dazu bei, dass über 10.000 Flüchtlinge in diesem Jahr in Bremen erfahren, dass Sie uns wichtig sind und wir Ihnen ein Zuhause geben wollen. Dieses riesige Engagement vieler Ehrenamtlicher wirft ein helles Licht auf diese Stadt. Wer in der Liebe zum Nächsten und zu Gott lebt, der wird nicht resignieren nach dem Motto, so ist diese Welt halt – sondern wird erkennen: Gott will eine Welt, in der es möglich ist Ihn zu lieben und dem Mitmenschen und sich selbst mit gleicher Liebe zu begegnen und an dieser Welt kann ich mitarbeiten. Da ist eine Nachbarin bedrückt. Sie hat Ärger mit ihrer alten Mutter, die ihr vorwirft, dass sie zu viel alleine sei und nicht häufig genug von ihren Kindern besucht wird. Es hilft ihr, wenn sie eine offenes Ohr findet, um über die Situation reden zu können. Da ist der Kollege von früher schon seit über 10 Jahren arbeitslos, weil er Opfer einer Kündigungswelle im Betrieb war und aufgrund seiner Qualifikation keinen neuen Job gefunden hat. Er hat das Gefühl, dass er seitens der Arbeitsagentur längst abgeschrieben ist. Er fühlt sich alt und ausgemustert. Ich kann ihn ermutigen, ihn stärken, mit ihm nach beruflichen Perspektiven suchen und ihm vor allem das Gefühl geben, dass er bei mir nicht abgeschrieben ist. Da fliehen Menschen übers Mittelmeer nach Europa; ich kann mich einsetzen für offenere, menschenfreundlichere Flüchtlingsgesetze, kann wenigstens mit meinem persönlichen Einsatz in der Flüchtlingsunterkunft deutlich machen, dass ich keine Zäune aufbaue, sondern mit meiner Hilfe Nähe anbiete, ich kann Brot für die Welt und Flüchtlingsprojekte unterstützen, mit Geld, mit meinem Engagement. Lasst uns also einander wahrnehmen, kennen lernen, aufeinander zugehen, einander verstehen lernen, einander helfen – und helfen lassen! -, voneinander lernen, füreinander da sein. Adventlich wartende Menschen leben in Erwartung des eingreifenden Christus als Schwestern und Brüder, die gemeinsam auf dem Weg sind. Lassen Sie mich schließen mit dieser kleinen Geschichte. Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler: „Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?“ Ein Schüler antwortete: „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ – „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es, wenn man von weitem einen Feigenbaum von einem Dattelbaum unterscheiden kann?“ fragte ein anderer. „Nein“, sagte der Rabbi. „Aber wann ist es denn?“ fragten die Schüler. Der Rabbi sprach: „Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen schaust und darin deine Schwester oder deinen Bruder siehst.“
Amen

(Manfred Meyer, Landespastor für Diakonie und Geschäftsführer Diakonisches Werk Bremen e.V.)