Herausforderungen meistern - Stärken erkennen

06.02.2018

Im Seminar zum Thema "Berufsorientierung" des Freiwilligen Sozialen Jahres befassen sich die Freiwilligen mit ihren eigenen Erfahrungen und daraus entwickelten Stärken.

Stifte kratzen über das Papier. Leises Murmeln ist zu hören. Die Aufgabe, die Susanne Makowka, Pädagogin des Diakonischen Werks Bremen, ihren Freiwilligen gestellt hat, ist gar nicht so einfach, wie sich nach und nach zeigt. Bei der Erklärung vorab hatten die acht jungen Frauen und der junge Mann noch eifrig genickt, so klar erschien die Aufgabenstellung. Die Freiwilligen sollen sich an diesem Seminartag mit der Frage beschäftigen, was sie nach ihrem Freiwilligendienst (FSJ oder BFD) eigentlich machen möchten.
„Als ich noch jung und frisch war, konnte ich das Wort Berufsorientierung schon gar nicht mehr hören“, sagte die 36-jährige Pädagogin zu Beginn dieses Tages mit einem Augenzwinkern. Scheinbar geht es den meisten der Freiwilligen ähnlich – mussten sie sich doch in der Schule und im Gespräch mit ihren Eltern schon genug damit beschäftigen. Um dennoch zu zeigen, wie wichtig es ist, sich Gedanken über die berufliche Zukunft zu machen, erzählte Makowka den jungen Menschen von ihren eigenen beruflichen Stationen und davon, was sie während dieser Zeit geprägt und bewegt hat. Die Freiwilligen hingen ihr an den Lippen – endlich eine ehrliche Erzählung eines realen Werdegangs! Das ist natürlich viel spannender als die reine Theorie. Und die Erzählung zeigt: Das Leben ist nie geradlinig. Es nimmt immer wieder Kurven und Wendungen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. „Ich möchte euch nur sagen: Macht euch nicht zu viel Druck. Es darf auch mal etwas schief laufen, denn daraus lernt man“, betonte Makowka. Die jungen Menschen sahen erleichtert aus.  
Wichtig sei aber bei all diesen Wendungen, sagen zu können, was man aus der jeweiligen Situation gelernt hat. Worauf ist man stolz? Was hat einen herausgefordert? Und welche Fähigkeit hat man gebraucht, um die Situation zu meistern? Das sind die Leitfragen der nächsten Aufgabe. Dabei geht es darum, eine Lebenslinie zu zeichnen – mit allen Höhen und Tiefen des bisherigen Lebens. Daraus ableiten sollen die jungen Menschen ihre eigenen Fähigkeiten, um diese zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch nennen zu können. Der Vorteil dieser Übung: Man nennt eine Fähigkeit nicht nur, sondern kann auch konkret belegen, wo man diese Fähigkeit schon einmal gezeigt hat.
Und nun sitzen die Freiwilligen vor dem bunten Papier. Die einen legen sofort los, die anderen tuscheln über die Aufgabenstellung. Die Stimmung ist nachdenklich. Das Zeichnen der eigenen Lebenslinie ist herausfordernder als zunächst gedacht. Niemand möchte etwas falsch machen. Wann ist eine Herausforderung eine Herausforderung? Die Pädagogin geht im Raum umher und hilft diese Unsicherheit abzubauen. Ist eine lustige Erinnerung aus dem Kindergarten schon ein Höhepunkt? Die jungen Menschen beginnen Erfahrungen auszutauschen: von der ersten schlechten Note in der Grundschule - und wie schlimm das damals war - bis zum Prüfungsstress am Ende der Schulzeit. Aber auch kleinere und größere Schicksalsschläge werden besprochen. Und plötzlich sind alle völlig in der Aufgabe versunken. Mancher malt die Linie farbig aus, andere nehmen ein Lineal zur Hand – gemalt und beschriftet wird an jedem Platz.
Und dann kommt schon der zweite Teil der Aufgabe. Aus den Erfahrungen sollen Fähigkeiten abgeleitet werden. Auch hier beginnen die Freiwilligen erst zögerlich, dann richtig aufgeregt, sich untereinander auszutauschen. Die Pädagogin muss nur hier und da ein paar Tipps geben, denn die Freiwilligen schreiben eine Fähigkeit nach der nächsten auf. „Ich weiß, es ist nicht einfach, über seine Stärken zu sprechen, aber in einem Bewerbungsgespräch muss man genau das tun“, erklärt Makowka nochmal die Relevanz der Aufgabe.
Der Austausch in den Kleingruppen hilft den jungen Menschen – so wird aus dem gut gemeisterten Prüfungsstress ein Organisationstalent. Oft fehlen aber die richtigen Worte, die Fähigkeit zu beschreiben. Dabei kann Makowka helfen, wie beim Beispiel einer gemeisterten Konfliktsituation: „Das nennt man Offenheit. Das ist eine tolle Eigenschaft, die unbedingt auf deine Liste gehört!“ Weitere Begriffe die dazukommen sind die Lösungsorientiertheit und das Durchsetzungsvermögen.
In einer anderen Kleingruppe geht es dann um den ersten Tag im Freiwilligendienst. Auch das war erstmal eine Herausforderung. Wie sind die jungen Leute damit umgegangen? „Ich war aufgeregt“, erinnert sich eine Freiwillige. Die Pädagogin erwidert sofort: „Aber du hast dich der Herausforderung gestellt. Das war mutig! Mut ist eine wichtige Eigenschaft. Es ist dir vielleicht gar nicht aufgefallen, dass du hier Mut bewiesen hast und trotzdem ist es so!“
Phasen des konzentrierten Arbeitens und Pausenzeiten wechseln sich während dieser Aufgabe immer wieder ab. Es entstehen ernste aber auch ganz lockere Gespräche. Es macht der Gruppe offensichtlich Spaß, den Tag gemeinsam zu verbringen. Das Seminar als Teil der pädagogischen Begleitung im Freiwilligendienst ist eine Abwechslung zum Alltag in den Einrichtungen, in denen der Freiwilligendienst absolviert wird. Auch von einigen Erfahrungen, die die jungen Menschen im Alltag des Freiwilligendienstes gesammelt haben, wird berichtet. Aus einigen lassen sich  wieder Fähigkeiten für die Liste ableiten. Das ist klar, denn der Freiwilligendienst soll ein Jahr der Orientierung sein. Sich über die eigenen Stärken Gedanken zu machen, ist ein wichtiger Teil, um die Richtung zu erkennen, in der die berufliche Heimat liegt. Manche von den jungen Menschen bleiben nach dem Freiwilligendienst vielleicht im sozialen Bereich – oft ist der Freiwilligendienst auch eine Art Türöffner zum Beispiel für eine Krankenpflegeausbildung. Andere werde sich für ganz andere Berufe entscheiden – doch auch sie werden aus diesem Jahr viele Erfahrungen und ganz neue Fähigkeiten mitnehmen.
Am Ende des Seminartages kann jeder eine Liste mit seinen eigenen Stärken mit nach Haus nehmen. Stärken, die nicht einfach nur aus dem Internet abgeschrieben sind, sondern die im Bewerbungsgespräch voller Stolz aufgezählt werden können.

 

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