Landesdiakoniepastor Manfred Meyer zur aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung

23.10.2017

Kinderarmut ist in Deutschland oft Dauerzustand

Wie die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung belegt, leben zwei Drittel der von Kinderarmut betroffenen Kinder dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. Kurz gesagt: wer einmal arm ist, bleibt lange arm. „Dagegen müssen wir dringend etwas unternehmen. Kinder können sich nicht selbst aus der Armut befreien. Daher ist es die Aufgabe des Sozialstaates, dem Kampf gegen die Kinderarmut höchste Priorität einzuräumen“, betont Landesdiakoniepastor Manfred Meyer, Vorstand des Diakonischen Werks Bremen e.V.

„Armut hat viele Ursachen – doch vor allem hat sie eine furchtbare Folge: Armut schließt Kinder von vielen sozialen und kulturellen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens aus“, so Meyer. Wie auch in der Studie der Bertelsmann Stiftung gezeigt wurde, bedeutet Armut nicht, dass die existenzielle Grundsicherung nicht gewährleistet ist. Aber Armut schließt Menschen von Dingen aus, die für alle anderen zum Leben und Aufwachsen dazugehören. Das kann zum Beispiel eine Waschmaschine, ein internetfähiger Computer oder auch ein Kinobesuch einmal im Monat sein. In der Studie wurde für 23 Güter und Aspekte sozialer Teilhabe abgefragt, ob diese in den Familien aus finanziellen Gründen fehlen. In der Summe fehlen Kindern in einer dauerhaften Armutslage durchschnittlich 7,3 der abgefragten Güter. Zum Vergleich: Bei Kindern aus Familien mit dauerhaft sicherem Einkommen fehlen nur 1,3 dieser 23 Güter aus finanziellen Gründen.

Wie die Bertelsmann Stiftung herausfand, sind drei Gruppen besonders armutsgefährdet: Kinder von alleinerziehenden Eltern, solche mit mindestens zwei Geschwistern oder mit geringqualifizierten Eltern. „Um etwas gegen die Armut der Kinder zu unternehmen, muss auch etwas gegen die Armut der Eltern unternommen werden“, betont Meyer. Um Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern zu unterstützen, fordert die Diakonie eine Kindergrundsicherung. Das bestehende Versorgungssystem aus Kindergeld, Kinderfreibeträgen, Kinderzuschlag und Hartz-IV-Regelsätzen soll durch eine Kindergrundsicherung für jedes Kind in Höhe von 573 Euro pro Kind und Monat ersetzt werden. Teilhabechancen benachteiligter Kinder könnten so verbessert werden. Diese Kindergrundsicherung bietet eine Möglichkeit der Teilhabe für Kinder. Wir müssen konsequent die Bedarfe und Interessen der Kinder in die Mitte der Unterstützung stellen und sollten endlich mit dem Klischee aufräumen, dass Eltern Mittel der Kindergrundsicherung nicht ihrem Kind zukommen lassen. Eltern wollen, dass es ihren Kindern besser geht als ihnen, dafür nehmen sie viel auf sich“, so Meyer „Außerdem wird es dringend Zeit, dass wir den Familienbegriff neu definieren – und sich das auch in der steuerlichen Gleichbehandlung von Alleinerziehenden und Familien widerspiegelt“, betont Meyer. Ein Alleinerziehender oder eine Alleinerziehende muss gegenüber einer Familie mit zwei Erziehenden auch steuerlich gleichgestellt werden.

Wenn Armutslagen sich nicht auf Dauer verfestigen und gar über Generationen vererbt werden sollen, bedarf es weiterer Anstrengungen im Bereich von Bildung und Erziehung. So erfreulich es ist, dass Bildung zunehmend als Schlüssel gegen dauernde Armut erkannt wurde, so sehr bleibt es zu hoffen, dass die neue Bundesregierung die Bundesländer bei einer konsequenten Verbesserung des Bildungssystems deutlich unterstützt. Meyer fordert eine bessere personelle Ausstattung von Schulen mit Lehrkräften und Sozialpädagog*innen. „Integration in einer bunten Gesellschaft muss gestaltet und nicht nur diskutiert werden“, so der Landesdiakoniepastor. Bedauerlich ist dabei, dass häufig nicht alle zur Verfügung stehenden Kräfte genutzt werden. So wünscht er sich, dass in Bremen z.B. viel schneller und konsequenter als bislang die aufholende Entwicklung bei Kindertagesstätten auch mit Hilfe der freien Träger und Investoren genutzt wird. Bisher wird zu zögerlich agiert. „Wir brauchen für diese aufholende Entwicklung alle gesellschaftlichen Kräfte und können uns durch unnötige Ressentiments gegen Investoren nicht selbst begrenzen“.

Aber auch die Bedeutung von Bildungs- und Freizeitangeboten und Unterstützung in Form von Ansprechpartnern vor Ort sei nicht zu unterschätzen. In Bremen gibt es bereits viele gute Einzelprojekte wie z.B. die Kindergeldstiftung, die sich für den sozialen Zusammenhalt und gegen Kinderarmut einsetzen und somit aus der Not heraus kommunale Aufgaben der Daseinsvorsorge übernehmen. „Diese Projekte gegen Kinderarmut in den einzelnen Stadtteilen Bremens müssen verstetigt und zu städtischen Aufgaben werden. Die Vernetzung zwischen den Haupt- und Ehrenamtlichen, den von Armut Betroffenen und den Hilfeträgern ist in vielen Projekten hervorragend. Diese wertvolle Arbeit muss auch zukünftig verlässlich finanziert werden und so ihre Wirkung nachhaltig entfalten können“ so Meyer. „Es muss nachhaltige Konzepte geben, um soziale Gerechtigkeit für Kinder und Erwachsene zu schaffen, die sonst zunehmend abgehängt werden und kaum eine Perspektive haben“, so Meyer. Jede der möglichen Maßnahmen - wie eine Kindergrundsicherung, gesicherte Finanzierung von Unterstützungsprojekten oder auch der erleichterte Zugang zu einer Ganztagsbetreuung für Kinder von Alleinerziehenden – sind kleine Mosaiksteinchen, die einen kleinen Teil dazu beitragen, dauerhaft etwas gegen Kinderarmut zu unternehmen. Meyer betont: „Die neue Bundesregierung muss gemeinsamen mit den Ländern jetzt zeigen, dass sie es ernst meint mit der Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland.“

 

 


Diakonie Deutschland:

 

 

Diakonie-Zitat: Vermeidung von Kinderarmut  muss Top-Thema im Koalitionsvertrag sein

 

Berlin, 23. Oktober 2017   Zu den Ergebnissen der neuen Bertelsmann-Studie über

die Lebensumstände von Kindern im unteren Einkommensbereich sagt Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland:

 

"Drei Millionen Kinder in Deutschland müssen auf vieles verzichten, was für andere zu einem normalen Leben dazu gehört: ein eigenes Zimmer, ein Internetzugang, Kicken im Fußballverein, Kinobesuche oder Urlaub mit der Familie. Wer als Kind von vielen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen bleibt, hat weniger Bildungschancen und auch im späteren Leben erhebliche Benachteiligungen. Nötig sind gezielte Hilfen insbesondere für Alleinerziehende, Familien von Langzeit-Erwerbslosen und für kinderreiche Familien. Dazu brauchen wir eine einheitliche Sockelförderung als Kindergrundsicherung, die  durch weitere Unterstützungen und Maßnahmen wie kostenlose Verpflegung in Kita und Schule, Bildungsförderung, Beratungs-  und Freizeitangebote ergänzt wird. Über

37.000 Einzelpersonen und mehr als 30 Verbände haben im  Wahljahr unsere Kampagne #stopkinderarmut!  unterstützt. Nun muss die Politik endlich handeln und konkrete Maßnahmen gegen Kinderarmut im Koalitionsvertrag aufnehmen."

 

Hintergrund:

Die Diakonie Deutschland, die Nationale Armutskonferenz, der Deutsche Kinderschutzbund und das Kinderhilfswerk haben 37.000 Unterschriften für die Kampagne "Keine Ausreden mehr! Armut von Kindern und Jugendlichen endlich bekämpfen! #stopkinderarmut" gesammelt und den Parteispitzen von Union, SPD, Grünen, Linken und FDP übergeben:

https://weact.campact.de/petitions/keine-ausreden-mehr-armut-von-kindern-und-jugendlichen-endlich-bekampfen