Landesdiakoniepastor zum Armutsrisiko in Bremen

30.08.2017

„Wer arm ist, leidet nicht nur unter einem materiellen Mangel. Einzelne und ganze Familien werden dadurch sozial ausgegrenzt, haben geringere Bildungschancen und können sich weniger am gesellschaftlichen Leben beteiligen“, mahnt Landesdiakoniepastor Manfred Meyer.

Mehr als jeder Fünfte ist in Bremen von Armut bedroht, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag bestätigte. Die Armutsgefährdungsquote liegt demnach in Bremen mit 22,6 Prozent deutlich über dem Bundesschnitt von 15,7 Prozent.

„Wer arm ist, leidet nicht nur unter einem materiellen Mangel. Einzelne und ganze Familien werden dadurch sozial ausgegrenzt, haben geringere Bildungschancen und können sich weniger am gesellschaftlichen Leben beteiligen“, mahnt Landesdiakoniepastor Manfred Meyer. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, etwas gegen die hohe Armut in Bremen zu unternehmen. „Dabei ist es zuallererst die Aufgabe der Politik, strukturell etwas zu ändern“, so Meyer. 2014 hat der damalige Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen die Bekämpfung der Armut zur Chefsache erklärt. Ein Ausschuss hat daraufhin viele Ideen entwickelt. „Nun geht es nach wie vor darum, diese Ideen auch konsequent umzusetzen“, betont Meyer.

Es sei unverständlich, warum bei mehr als 12.000 Langzeitarbeitslosen im Land Bremen die öffentlich geförderte Beschäftigung nicht weiter ausgebaut wird. „500 Plätze reichen bei weitem nicht aus. Gerade Langezeitarbeitslose haben ein hohes Armutsrisiko – auch im Alter“, so Meyer. Um diese Menschen dürfe man nicht erst in die Altersarmut geraten lassen, sondern es müsse jetzt etwas getan werden. „Wir brauchen mehr öffentlich geförderte Arbeitsplätze und mehr Unterstützung für Langzeitarbeitslose“, fordert Meyer. Langzeitarbeitslose brauchen mehr Qualifizierung und eine bessere Begleitung, um den Wiedereinstieg in den Beruf zu schaffen. Ein gutes Beispiel dafür, wie diese Begleitung aussehen kann, ist das Projekt Patenmodell, bei dem ehrenamtliche Paten Langzeitarbeitslose bei der beruflichen Orientierung und der Bewerbung helfen.

Doch nicht nur Erwerblose sind von Armut betroffen. Weitere Risikogruppen sind Alleinerziehende, Zugewanderte, kinderreiche Familien, junge Menschen unter 25 Jahren und Geringqualifizierte. „Einige Menschen sind von Armut betroffen oder bedroht, obwohl sie eine Arbeitsstelle haben“, betont Meyer. Minijobs und Teilzeitstellen können in bestimmten Branchen dazu führen, dass Menschen aufstocken müssen – also zusätzlich zum Gehalt Sozialleistungen beziehen. „Auch wir finden es mehr als bedauerlich, wenn Menschen trotz Arbeit von Armut betroffen sind. Die Politik muss entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, damit die Wirtschaft die Möglichkeit hat, bessere Arbeitsbedingungen umzusetzen“, so Meyer. Hier sei allerdings auch die Wirtschaft selbst gefordert, zum Beispiel in Branchen wie des Hotel- und Gaststättengewerbes oder der Logistik sei es dringend notwendig angemessenere Löhne zu zahlen.

Besonders armutsgefährdet sind auch Alleinerziehende. „Der Ausbau von Betreuungsplätzen in Kitas und Schulen - gerade in benachteiligten Stadtteilen – muss von der Politik gewissenhafter umgesetzt werden“, fordert Meyer. Schließlich sei die Möglichkeit einer Betreuung eine Grundvoraussetzung dafür, dass Alleinerziehende berufstätig sein können. „Wie sollen Alleinerziehende der Armutsspirale – auch mit dem Blick auf Altersarmut – entgehen, wenn es keine verlässliche Betreuung im Stadtteil gibt?“, fragt Meyer. Neben der Sicherung der Betreuung sei es weiterhin wichtig, die aufholende Entwicklung in den benachteiligten Stadtteilen zu unterstützen. Außerdem fordert Meyer eine Beendigung der Unterscheidung zwischen tatsächlichem und anerkanntem Bedarf bei der Betreuung von Kindern.

Darüber hinaus dürfe die Politik auch die Verbesserung der Gesundheitsversorgung, des Wohnraums und der Bildungsangebote in benachteiligten Stadtteilen nicht aus den Augen verlieren. „Auch das sind Faktoren, die sich neben der Armut auf das gesellschaftliche Leben im Stadtteil auswirken“, so Meyer.