Ansprache zur Einführung von Oberin Anette Cordes

von Landesdiakoniepastor Manfred Meyer

Das Evangelische Diakonissenmutterhaus Bremen e. V. blickt stolz auf 152 Jahre erfolgreichen Arbeitens zurück. Der Erfolg gründet sich auf die gelebte Tradition diakonischen Handelns, verbunden mit den Ansprüchen der Gegenwart und Zukunft.

Im Rahmen des Festgottesdienstes am Sonntag, 10. November, wurde Anette Cordes in ihr Amt als Oberin eingeführt.
Hier die Ansprache von Landesdiakoniepastor Manfred Meyer:

Liebe Gemeinde,

in diesem Gottesdienst soll Anette Cordes nach der Ordnung unserer Kirche in den Dienst als Oberin des Evangelischen Diakonissenmutterhauses Bremen eingeführt werden. Frau Cordes versieht diesen Dienst schon seit einem halben Jahr. Sie ist Sozialarbeiterin, hat weitere Ausbildungen in der Seelsorge, war über mehrere Jahre in der Hospizarbeit tätig und ist hervorragend ausgebildet, wenn es um spirituelle Themen geht.

Sie, liebe Frau Cordes, haben in ihrem bisherigen beruflichen Werdegang viele Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen begleitet. Ich freue mich, dass Sie Ihre Gaben seit Mai 2019 jetzt hier im Diakonissenmutterhaus als Oberin einbringen, hier in der Lebensgemeinschaft der Diakonissen und der Weggemeinschaft der diakonischen Schwestern.

Als wir – mit Blick auf die heutige Einführung über den Gottesdienst gesprochen haben – fragte ich Sie, liebe Frau Cordes – nach einem Bibelwort, dass Ihnen wichtig ist. Nach ein paar Sätzen über mehrere biblische Worte kamen Sie sehr schnell zu dem Entschluss, es sollen Worte aus dem Alten Testament sein, aus Jeremia 29 Vers 11:

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Liebe Gemeinde,
wer von Ihnen schreibt noch Briefe? Das ist ja ein sehr bedeutsamer Vorgang. Du musst dich hinsetzen. Denkst an die andere Person, ihre Situation. Und du versuchst, zu raten, zu trösten, vielleicht auch herauszufordern. Vor einiger Zeit habe ich ein Bündel mit Briefen gelesen, das im Haus meiner Eltern war. Ich hatte Wert daraufgelegt, dass diese Briefe in meinem Elternhaus blieben, so lange es irgendwie ging. Nach dem Tod meiner Eltern habe ich diese Briefe dann zu uns mit nach Bremen genommen.  Es waren Briefe zu meiner Konfirmation. Damals war ich 14 Jahre alt. Der Brief war Mut machend, wohltuend, ja tröstlich über die Jahrzehnte hinweg. 

Leider geht die Briefkultur zunehmend verloren. Wir mailen und schreiben WhatsApp und skypen und manchmal telefonieren wir noch – aber was davon wird bleiben, frage ich mich manchmal?

In der Bibel sind besondere Briefe erhalten, die Christinnen und Christen seit zweitausend, dreitausend Jahren beschäftigen. Aus einem ist das eben gehörte Bibelwort.  Um diesen Brief wirklich wahrzunehmen, müssen wir kurz zurück blicken auf die Situation, in der er geschrieben wurde: Im Jahr 597 vor Christus eroberte der große babylonische Herrscher Nebukadnezar Jerusalem. Und der babylonische König Nebukadnezar weiß, wie er der feindlichen Stadt am meisten schaden kann.

Nach der Eroberung zwang er das gesamte Königshaus, die Oberschicht, Gelehrte Handwerker und Fachleute, nach Babylon zu gehen. Der Plan ist klar: Sind sie weit weg, werden sich die Stadt Jerusalem und der Staat Juda so schnell nicht erholen, der Wiederaufbau wird schwer, so bald entsteht da keine neue bedrohliche Macht. In Babylon sitzen sie nun fest, die Weggeführten, während der Prophet Jeremia mit einem kleinen Rest im zerstörten Jerusalem verbleibt. Die nach Babylon Verbannten sind trostlos, wie gelähmt, traumatisiert. Sie wissen nicht weiter und können ihr Entsetzen kaum bewältigen.

Sie suchen nach einer Perspektive und denken vor allem an die guten alten Zeiten, wo sie nahe dem Tempel in Jerusalem waren.

Da schreibt ihnen Jeremia: „...Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären;.... Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. .... Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. ... denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR. 

ZUKUNFT und HOFFNUNG. Große Worte. Damals wie heute. Aber wo passten Sie besser hin als heute in diesen Gottesdienst, in dem wir Sie, liebe Frau Cordes, als neue Oberin des Evangelischen Diakonissenmutterhauses Bremen in Ihr Amt einführen. Zukunft und Hoffnung für Sie, in Ihrem Amt und natürlich auch für diejenigen, die in einer Lebensgemeinschaft oder in der Weggemeinschaft hier von diesem Ort aus der Stadt Bestes suchen.

Wenn wir die Worte des Jeremia recht lesen, dann wissen wir schon von dem Propheten: Die Zeiten sind alles andere als einfach. Schwierig sind sie.  Vieles hat sich verändert. Nichts ist mehr, wie es war. Die großen Zeiten des Glaubens, in denen – zumindest im Rückblick – alles so einfach schien, sie sind vorbei.

Jeremia gibt den Menschen damals und uns heute aber auch eine Grundidee, einen wohltuenden stärkenden Grundton mit auf den Weg.  Er sagt, auch jetzt, wo ihr unsicher seid, da gilt eines nach wie vor: Gott ist auch jetzt da.

Jeremia sagt: Gott ist da, sogar in der Fremde. Sucht ihn, überall, wo ihr seid! Er wird sich finden lassen! Er ist nicht gebunden, weder an einen Ort noch an eine bestimmte Form, nicht mal an eine Kirche. Er ist bei euch.

Lebt da richtig und bewusst, wo ihr seid, sagt Jeremia, aber verliert das Ziel nicht aus den Augen. 

Liebe Frau Cordes, Gott ist da, er hat Gedanken des Friedens mit Ihnen und uns allen. In diesem Vertrauen können Sie, liebe Frau Cordes, als Oberin Verantwortung für die Lebens- und Weggemeinschaft hier an diesem Ort wahrnehmen. "Suchet der Stadt Bestes“, sagt Jeremia und meint damit:  Wenn es dem Ort, an dem ihr lebt, gut geht, geht es auch euch gut.

Ich wünsche Ihnen das von ganzem Herzen, dass Sie als Oberin die Erfahrung immer wieder neu machen können, dass es Ihnen an diesem Ort gut geht. Dass es den Diakonissen, den diakonischen Schwestern, all denen, die hier in diesem wunderbaren diakonischen Dorf leben und arbeiten, gut geht.

Dass Sie gemeinsam Wege finden, der Stadt Bestes zu suchen. Wörtlich heißt es ja bei Jeremia: „Kümmert euch um den Frieden der Stadt“. Und wir wissen mittlerweile, was mit diesem „Shalom“ gemeint ist: Soziale Gerechtigkeit und Frieden für alle und Gott in der Mitte. Die Emmausjünger brauchten eine Zeit, bis sie wussten, wir wurden vom Auferstandenem, von Jesus Christus begleitet. Wir alle hier in der Emmauskirche dürfen darauf vertrauen, der Auferstandene ist in unserer Mitte. Und wenn wir später aus dieser Kirche herausgehen: Dann gilt für Sie als Oberin, für Sie alle, liebe Schwestern und Brüder im Glauben:

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Welch eine wunderbare Zusage an einem Ort wie diesem und einer Zeit, in der sich Menschen nach Zukunftsperspektiven und Hoffnung sehnen. Welch eine Perspektive für uns in Kirche und Diakonie und eine wunderbare Verheißung für Sie, liebe Frau Cordes, als neue Oberin hier im Diakonissenmutterhaus.  Legen Sie diesen Brief des Jeremia in Ihre ganz persönliche Schatzkiste und nehmen Ihn immer dann heraus, wenn Sie mit Kraft und Zuversicht Ihren Weg gemeinsam mit vielen anderen gehen wollen.

Amen