© Foto: German Toilet Organization
Wohnungsnot

Zu "Spaziergänger unter Druck“

Diakonisches Werk fordert 24 Stunden am Tag frei zugängliche Sanitäranlagen in Bremen

In einem Artikel im Weser-Kurier vom 13.01.2021 mit dem Titel „Spaziergänger unter Druck“ heißt es:

„Man kann einen zusätzlichen Toilettenwagen aufstellen. Aber für wen?“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bau- und Umweltressorts, und verweist auf die Leere in der City. „Es sind keine Touristen da.“ Zudem sei im Aktionsprogramm Innenstadt eine weitere öffentliche Toilette vorgesehen – wenn wieder Betrieb herrsche. „Die Zeichen der Zeit sind erkannt. Die Planungen laufen bereits, um dauerhaft einen großen Toilettencontainer aufzustellen.“ Derzeit hielten sich fast ausschließlich Personen in der City auf, die dort ihren Arbeitsplatz und damit auch sanitäre Anlagen zur Verfügung hätten.

Dazu sagt Landesdiakoniepastor Manfred Meyer, Vorstand des Diakonischen Werks Bremen e.V.:

„Diese Aussage des Bau- und Umweltressorts ist grundsätzlich falsch. Hier werden nur die Touristen und Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen in den Blick genommen - dabei ist das Thema der Toilettennot in Bremen für eine andere Zielgruppe viel dramatischer, die hier vollkommen vergessen wird: Die Menschen, die auf der Straße leben, haben (durch die Pandemie noch mehr) die Schwierigkeit einen Ort für die Notdurft zu finden. Gleichzeitig droht ihnen beim Urinieren in der Öffentlichkeit ein Bußgeld. Das ist nicht hinnehmbar – wo sollen diese Menschen denn hingehen in ihrer Not?“

Das Diakonische Werk Bremen e.V. setzt sich schon lange im Rahmen des unterstützen Aktionsbündnisses für Wohnungsnot und bei der kirchlichen Caféarbeit für mehr öffentliche Toiletten ein. Derzeit gibt es nur wenige öffentliche Toiletten in Bremen, die auch immer eine Nutzungsgebühr verlangen. Die sogenannten „Netten Toiletten“ sind vielerorts derzeit ohnehin nicht geöffnet, bieten aber auch ohne Pandemie kaum eine Möglichkeit für Wohnungslose, da diese dort meist gar nicht hineingelassen werden.

„Die Betroffenen berichten uns immer wieder von dieser Schwierigkeit. Wenn es nur wenige öffentliche Toiletten gibt, diese dann aber auch immer etwas kosten, man in Geschäften und Restaurants nicht hineingelassen wird und auch keine eigene Wohnung hat, welche Option für den Toilettengang bleibt dann noch? Wer sich zum Pinkeln hinter einen Busch oder Baum versteckt, um irgendwie die Notdurft zu verrichten, wird mit einem Bußgeld belegt, denn öffentliches Urinieren ist verboten. Doch ohne Alternative zwingt man die Betroffenen doch dazu genau das zu tun“, so Meyer.  

Ein weiteres Problem, das sich gerade auch jetzt in der Pandemie zeigt und die Toilettennot noch weiter verschärft (neben den ohnehin eingeschränkteren Öffnungszeiten an vielen Orten): Vielerorts muss - auch beim Aufsuchen einer Toilette im Haus - aufgrund der Maßnahmen zum Schutz vor dem Corona-Virus eine Kontaktadresse oder Telefonnummer angegeben werden (um im Falle einer Covid-19-Infektion an diesem Ort informiert werden zu können). Eine wichtige Maßnahme, um Kontakte nachverfolgen zu können - doch was macht ein Wohnungsloser, der weder Adresse noch Telefonnummer hat? Auch diese Problematik sollte dringend in den Blick genommen werden.

Die Lage der Toilettennot in Bremen ist dramatisch – vor allem da Trinkwasser und Sanitärversorgung zur öffentlichen Daseinsfürsorge gehören (dies haben die Vereinten Nationen 28. Juli 2010 beschlossen). Und damit das erfüllt werden kann, braucht es 24 Stunden am Tag (kosten-)frei zugängliche Sanitäranlagen in Bremen. Um hier eine schnelle Lösung zu finden, fordert genau das das Diakonische Werk Bremen e.V. vom Land Bremen für die Menschen, die auf der Straße leben. „Von frei zugänglichen Toiletten profitieren übrigens alle – nicht nur Wohnungslose. Auch Touristen, Menschen beim Einkaufen oder Spazieren könnten diese WCs nutzen“, so Meyer.

Um in der aktuellen Pandemie-Lage einen Überblick zu schaffen, bei welchen Angeboten zu welcher Zeit ein Toilettengang für Wohnungslose möglich ist (z.B. bei Kirchengemeinden oder sozialen Einrichtungen – was aber leider nur zu begrenzten Öffnungszeiten möglich ist), hat das Diakonische Werk bei seinem Sozialstadtplan neben Essensausgabestellen und Duschmöglichkeiten nun auch die Rubrik Toiletten mit aufgenommen. Online ist dieser zu finden unter www.diakonie-bremen.de/sozialstadtplan, der Sozialstadtplan wird regelmäßig auch gedruckt in Bremen verteilt.