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Nächstenliebe? Safe!

Warum kein Mensch mehr von ihr spricht, wir sie aber alle brauchen!

Es gibt Begriffe, die schleichen sich ganz langsam und fast unbemerkt in unseren Wortschatz, bis wir sie einfach irgendwann übernehmen, manchmal vielleicht sogar überstrapazieren. Safe! Das Wort Nächstenliebe hat’s da mittlerweile echt schwer. Es ist irgendwie zwischen all dem Cornern, Chillen und sweeten und nicen Alltagsdingen in den Abstellraum abgewandert. Dort steht die Nächstenliebe vergessen herum. Irgendwie. Heißt das etwa, dass wir sie nicht mehr praktizieren oder gar brauchen? Im Gegenteil. In einer Welt, in der Likes bei Facebook und Instagram einen hohen Stellenwert haben und direkt daneben die Angst vor einem Shitstorm lauert, in der alles vernetzt ist, gleichzeitig aber das Gefühl, allein zu sein, wächst – in dieser Welt brauchen wir Nächstenliebe mehr, als wir sie auf unserer To-do-Liste haben. Lasst uns das mal ändern.
 

Wie beginnt man nun also mit einem Thema, das vielleicht auf den ersten Blick nicht besonders hip ist? Wir fangen einfach an. Wir stellen die Frage, was Nächstenliebe eigentlich ist. Warum wir, du und ich, sie brauchen. Und wir fragen, wie du eigentlich zu dir selbst stehst. Achtung, Spoiler: Das Thema hat auch etwas mit dem christlichen Glauben zu tun. Aber keine Angst – mitreden kann jeder. Auch, wenn du noch nie in deinem Leben eine Kirche von innen gesehen hast.

Wann hast du das letzte Mal über Nächstenliebe gesprochen?

Also, wann hast du das letzte Mal über Nächstenliebe gesprochen? Puh, da gab’s in den letzten Monaten doch nun wirklich andere Themen, über die man sprechen musste, oder? Corona. Homeschooling. Der Klimawandel. Die Flüchtlingskrise. Das sind alles große politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Aber doch nicht Nächstenliebe. Oder doch? Nun ja, da ging es oft um die Frage, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen und wie wir wollen, dass mit uns umgegangen wird. Sind wir dann nicht schon mittendrin in der Diskussion um die Nächstenliebe? Wir laden dich ein, den Staub von diesem Wort zu pusten und die Nächstenliebe aus dem Abstellraum zurück in dein Wohnzimmer zu holen. Denn auch wenn du denkst, sie wäre nicht mehr präsent: Nächstenliebe war nie weg. Man spricht nur nicht über sie. Wir benutzen das Wort nicht mehr. Wir haben andere Begriffe dafür gefunden: Humanität zum Beispiel. Manchmal auch Wohltätigkeit. Oder Menschenliebe.

Was ist das eigentlich – Nächstenliebe?

Dein bester Freund hat ein Problem. Kann er auf dich zählen? Klar. Ist das Nächstenliebe? Ja. Deine Nachbarin braucht Hilfe, ihre Einkäufe in die obere Etage zu tragen. Hilfst du ihr? Wieso nicht! Ist das Nächstenliebe? Ja. Deine Tante unterstützt regelmäßig in ihrer Freizeit eine Hilfsorganisation für geflüchtete Jugendliche. Ist das Nächstenliebe? Definitiv.

Nächstenliebe ist eine Einstellung, eine Haltung. Jeder kennt das Gefühl, ein saftiges Plus auf seinem Karma-Konto eingezahlt zu haben, wenn wir etwas Gutes getan haben. Ein Stück Ehrenmann oder -frau steckt halt in jedem von uns. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Manchmal reicht sie nur bis zu unseren Liebsten, bis zu den Menschen, die wir ganz nah an uns ranlassen. Und manchmal könnten wir die ganze Welt umarmen.

 

Nächstenliebe bedeutet, deinen Mitmenschen ohne Vorurteile
gegenüberzutreten, zugewandt, respekt- und würdevoll.

Warum du und ich Nächstenliebe brauchen

Unsere globalisierte und digitalisierte Welt macht vieles möglich, was vor ein paar Jahren noch gar nicht so selbstverständlich war. Wir sind weltweit miteinander vernetzt. Work & Travel in Australien und deine Freunde und Familie in Echtzeit an deinem Abenteuer teilhaben lassen? Kein Problem – wir haben ja Insta, TikTok und Facebook. Das ist unser heutiger Standard. In fast allen Bereichen unseres Lebens haben wir die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten. Über Singlebörsen, Apps für Nachbarschaftshilfe, Gruppen für unsere Interessen – still scheint es selten zu sein.

Wie wichtig Nähe und aufrichtige Unterstützung von anderen ist, zeigt sich meist erst, wenn wir mal eine Zeit auf uns alleine gestellt sind.

Der Corona-Shutdown ist ein Beispiel dafür: Die damit verbundenen Einschränkungen in unserem Leben haben bei vielen Menschen das Gefühl der Einsamkeit ausgelöst. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob jemand alleine lebt oder gemeinsam mit dem Partner oder der Familie die Zeit verbringt. Das Gefühl, alleine oder mit jemandem verbunden zu sein, kommt von innen. Du kannst 300 Facebook-Freunde oder 4000 Abonnenten bei Instagram haben und dich gleichzeitig sehr alleine fühlen.

In einer Umfrage sagten 31 Prozent der Befragten, dass sie andere Menschen brauchen, um sich gut zu fühlen. Warum fühlen wir uns eigentlich einsam? In der Umfrage waren die Gründe dafür unter anderem die eigenen Lebensumstände (51 Prozent), die eigene Laune (41 Prozent) und die immer unpersönlicher werdende Kommunikation (24 Prozent).

 

Wir alle brauchen Nächstenliebe. Weil wir soziale Wesen sind. Weil wir ohne einander nicht wachsen können. Wir brauchen ein Gegenüber, um zu spüren, dass es uns gibt.
Das leitet sich aus unseren Grundbedürfnissen ab.

 

Wir brauchen das Feedback von anderen

Ein Grundbedürfnis ist es zum Beispiel, Rückmeldungen von anderen Menschen zu erhalten. Ein Lächeln des anderen lässt dich innerlich wachsen. Säuglinge bekommen auf diese Weise vermittelt: Ich freue mich, dass du da bist. Bleibt das aus, können sich wesentliche Fähigkeiten in uns nicht ausbilden. Auch, wenn wir im Erwachsenenalter oft denken, dass wir Lob nicht unbedingt brauchen, und selbstbewusst durchs Leben gehen – Rückmeldungen geben uns Leitplanken, formen uns und lassen uns spüren, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind.

Wir streben nach Gemeinschaft und wollen dazugehören

Wir suchen immer nach Zugehörigkeit, das ist ebenfalls in unseren Grundbedürfnissen verankert. Besonders ausgeprägt zeigt sich dieser Wunsch in unserer Pubertät: „Alle haben dieses Handy – ich will das auch.“ Wir wollen dazugehören, Teil der Gang sein, mitreden können. In dieser Phase des Erwachsenwerdens empfinden wir Ausgrenzung als sehr schmerzhaft. Später im Leben sind wir gefestigter. Unser Selbstwert hat sich im besten Fall so entwickelt, dass wir uns auch gänzlich gegen ein Handy entscheiden können und wir dennoch wissen, dass wir geschätzt werden. Aber das Grundgefühl, irgendwo dazugehören zu wollen, das bleibt. Auf vielen Ebenen. Im Privaten, im Beruf, in der Familie, beim Sport – niemand möchte das schwarze Schaf sein. Und das gilt in alle Richtungen: selbst, wenn du die bunte Blume auf der grünen Wiese bist. Das fängt bei dem Gefühl, „irgendwie anders zu sein“, an und endet im schlimmsten Falle beim Mobbing. 

„Ich will so sein wie du“ – wir brauchen Vorbilder

In jedem von uns schlummert auch ein kleiner Idealist. Je größer unser Kosmos ist, desto mehr brauchen wir Vorbilder, die uns Orientierung geben. Vorbilder treiben uns an, geben uns eine Richtung und lassen uns manchmal sogar über uns hinauswachsen. Vor allem aber geben sie uns Hoffnung und machen Mut, etwas Neues zu wagen oder uns zu verändern. Dabei formen sich unsere Vorbilder je nach Lebenssituation. In unserer Kindheit sind es vor allem unsere Eltern und ältere Geschwister, die uns vorleben, wie wir sein können. Später entdecken wir, dass es außerhalb unseres Kosmos noch viel mehr gibt als unsere nächsten Verwandten. Sportlerinnen, Greta Thunberg, ein Mitschüler, der sich ganz besonders kleidet, Influencer auf Instagram, Celebrities, die auf der großen Leinwand zu sehen sind. Dabei ist nicht jedes Vorbild gut für uns. Models, die nach außen das perfekte Styling und eine makellose Figur vorführen, waren schon oft der Grund für ein verschobenes Selbstbild.


What about me? Nächstenliebe kann nur aus einer gesunden Selbstliebe erwachsen

Wenn wir über Nächstenliebe sprechen, steht diese niemals für sich alleine. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, heißt es in der Bibel, genauer im Alten Testament. Aber was genau ist eigentlich Selbstliebe? Kann ich mich selbst lieben? Ja. Aber was heißt das? Liebe wird in der deutschen Sprache so definiert: „Liebe ist eine Bezeichnung für stärkste Zuneigung und Wertschätzung.“ (Quelle: Wikipedia) Dabei machen wir sprachlich gesehen keine Unterschiede zwischen der Liebe zu den Eltern, zu den eigenen Kindern, zu unseren Freunden oder zu unserer ersten großen Liebe. Alles ist Liebe. Wenn Liebe also stärkste Zuneigung und Wertschätzung ausdrückt, dann können wir uns selbst lieben.

Ohne dich selbst wertzuschätzen, dich anzuerkennen und grundsätzlich mit dir im Reinen zu sein, kannst du keine aufrichtige Nächstenliebe schenken. Das eine bedingt das andere. Wenn du selbst gerade bargeldlos unterwegs bist, kannst du keinen Euro abgeben. Auch keine 50 oder 20 Cent. Deshalb ist es so wichtig, unsere Speicher immer wieder selbst aufzufüllen.

Und was ist mit Gott?

Die Nächstenliebe erwächst aus der Liebe Gottes zu uns. Theologisch gesehen ist es so, dass wir uns selbst und andere lieben können, weil Gott uns liebt. Das steht über allem und ist die Grundlage von allem. Weil Gott mich liebt, muss ich nicht hassen – weder mich selbst noch andere.

Deshalb taufen wir auch kleine Kindern, denn es soll deutlich machen, dass man nichts mitbringen muss, um von Gott geliebt zu werden. Seine Liebe ist bedingungslos. Und daraus resultieren die Selbstliebe und die Nächstenliebe.


Egozentrik und Nächstenliebe – zwei, die nicht ohne einander können (und sollten)

Hast du schon mal geliebt? So richtig? So sehr, dass dir egal war, ob du etwas von dieser Liebe zurückbekommst? Dem steht die Aussage gegenüber: „Die Nummer 1 in meinem Leben bin ich.“ Klingt ganz schön egozentrisch, oder? Stell dir aber mal eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern vor. Sie liebt ihre Kinder bedingungslos, opfert sich auf und erwartet keine Gegenleistung. Damit sie ihre Kinder jeden Tag gut versorgen kann, geht sie über ihre Grenzen. Macht sie das zu lange, wird sie irgendwann nicht mehr genug Energie haben, Hausaufgaben, Mittagessen, Nachmittagsveranstaltungen und Diskussionen über Capital Bra oder die Deutsch-Rapperin Haiyti unter einen Hut zu bekommen. Irgendwann geht einem einfach die Puste aus, wenn man nicht gut für sich selbst sorgt. Selbstfürsorge ist also die Grundvoraussetzung für Nächstenliebe. In allen Bereichen des Lebens.

 

Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?
Gleich „alle“ zu lieben?

Hat Nächstenliebe eigentlich Grenzen?

Vielleicht denkst du dir: ‘Nächstenliebe, klar, kann ich. Aber gleich alle Menschen auf dieser Welt, alles Elend dieses Planeten wertfrei anzunehmen und dem mit einer ordentlichen Portion Liebe entgegenzutreten, ist dann doch ein bisschen viel.’

Die Frage ist also: Hat Nächstenliebe Grenzen? Die Antwort: das Gefühl nicht, deine Handlungen schon. Du kannst nicht die ganze Welt retten. Vielleicht kennst du jemanden, der mit dem sogenannten Helfersyndrom ausgestattet ist? Oftmals gehen diese Menschen weit über ihre Grenzen hinaus. Die liegen bei jedem Menschen an einer anderen Stelle. Während eine Person sprichwörtlich ihr letztes Hemd für andere gibt, kann eine andere nur für ihre nächsten Familienangehörigen da sein. Fest steht aber: Du hast immer selbst die Wahl. Willst du bei einem Autounfall

  • Erste Hilfe leisten,
  • wegrennen, weil du Angst hast oder dich schützen willst,
  • dich selbst mit deiner Hilfeleistung in Gefahr bringen oder
  • Schreckensbilder filmen und dadurch Hilfe verhindern?

Diese Wahl hast du immer. In jeder Lebenssituation. Sozial zu sein ist aus unserer Sicht gar nicht uncool. Und jeder lebt seine soziale Seite und seine ganz persönliche Nächstenliebe anders aus.

 

 

Und du so? Sag uns, was du denkst!

In welchen Situationen bist du für andere da? Und: Was brauchst du dafür, um anderen deine Nächstenliebe zu schenken?

Schreib uns deine Kommentare, mach das Thema zu deinem nächsten Schul- oder Studienprojekt, frag deine Nächsten, wie sie über Nächstenliebe denken. Vielleicht ist dir der Begriff viel zu spießig? Vielleicht hast du eine ganz andere Meinung zu dem Thema? Vielleicht glaubst du aber auch, dass die Nächstenliebe in deinem Umfeld keinen Wert mehr hat. Wir sind gespannt darauf, wie du über Nächstenliebe denkst. Und wie du sie nennst. Lass es uns wissen – wir freuen uns auf den Austausch. Egal, in welchem Stil, in welcher Ausdrucksweise, ob digital oder persönlich. Safe!