Ehrenamt

Tagesworkshop „Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen begegnen“

am 8. November 2019 im Diakonischen Werk Bremen e.V.

Der Tagesworkshop am 8. November 2019 des Diakonischen Werks Bremen e.V.drehte sich um den Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Dr. Barbara Gehrke formulierte dazu in ihrer Anmoderation:

Oftmals nehmen wir Menschen mit psychischen Erkrankungen als nicht „normal“ wahr. Aber was eigentlich ist denn normal?

In der kirchlichen Café-Arbeit, in der Bahnhofsmission und in anderen sozialen Einrichtungen treffen wir vermehrt auf Menschen, die nach den allgemeinen Kriterien nicht „normal“ leben und – in unserem heutigen Zusammenhang – sich aufgrund psychischer Erkrankungen oft nicht „normal“ benehmen. Ehrenamtlich Mitarbeitende erleben zunehmend sozial und kommunikativ schwierige Situationen, weil sich ein Gast auffällig und nicht „normal“ verhält. Wie gehen wir dann als Ehrenamtliche damit um? Wie begegne ich diesem Gast? Mit diesen Fragen wollen wir uns heute im Workshop beschäftigen.

Setzen wir uns aber erst einmal für einen kurzen Moment mit dieser Frage auseinander, was wir als „normal“ verstehen. Was erscheint uns normal, was unnormal?

Normal ist zunächst das, woran man sich gemeinhin hält. Dadurch glänzt das Normale meist durch die Abwesenheit großer Überraschungen. Es glänzt nicht, es sticht nicht hervor. Wir bewegen uns auf sicherem Terrain. Ein ganz normaler Tag wiegt uns in Sicherheit und fordert uns im Handeln nicht heraus.

Schauen wir uns bei Facebook und Instagram um, so begegnet uns vielfach das „Unnormale“. Jene Einträge haben Follower und werden“ geliked“. Das Besondere erscheint uns dort fast wie ein Lebensmotto. Wenn ich mich als Nutzer*in aktiv bei facebook oder instagram bewege, zählt offenkundig nur das Außergewöhnliche. Normalität lässt sich nur schwer posten, und wenn man es doch tut, interessiert sie niemanden - zumindest nicht in diesen sozialen Zusammenhängen. Alles Mögliche wollen wir gern sein, nur bitte nicht normal. Normal – das klingt nach Gewohnheit und bekommt den Stempel „langweilig“. In Zeiten, in denen es scheinbar nur zählt, außergewöhnlich zu sein, ist das Abweichen vom Normalen fast schon zur Norm geworden.

Für die Einen ist Normalität langweilig, für die Anderen erscheint sie erstrebenswert. Schauen wir uns unsere Gäste in der kirchlichen Café- und Mittagstischarbeit an, blicken wir auf die Besucher der Bahnhofsmission oder der diakonischen Einrichtung „frauenzimmer“, so stellen wir fest, dass das, was diese Menschen als normal erleben anders ist als das, was die Allgemeinheit hierunter begreift. Viele Besucher wünschen sich ein Stück mehr Normalität in ihrem Leben.

In diesen Einrichtungen begegnen wir zunehmend Menschen, die abseits der Normalität ihren Alltag leben. Bei vielen hinterlässt dies Spuren. Und das nicht nur äußerlich, sondern oft mehr noch seelisch. Zunächst im Verborgenen und, wenn die Belastung zu groß wird, auch ganz offensichtlich. Menschen erscheinen uns dann mitunter „unnormal“ in ihrem Verhalten, psychisch auffällig oder entrückt. Eben nicht „normal“. Wir als freiwillig sozial Engagierte sind dann vor Herausforderungen gestellt, denen wir mehr oder weniger kompetent begegnen.

Wann empfinden wir jemanden als nicht normal, als psychisch auffällig und als Herausforderung für unser soziales Handeln?

Befragen wir das Wörterbuch, dann bezieht sich Normalität auf das Einhalten von Normen auf das Vorschriftsmäßige. Normal ist so beschaffen, wie es sich die allgemeine Meinung als das Richtige, das Übliche vorstellt. Normen begegnen uns im Alltag auf vielerlei Art: so etwa als Richtlinien für die gesundheitstaugliche Gestaltung von Möbeln, Qualitätsmanagement in Unternehmen und so fort. Aber Normen legen auch wichtige Kriterien im sozialen Miteinander fest. Eine Norm ist weniger als ein Gesetz, aber mehr als eine Vereinbarung unter Einzelnen. Doch oft ist diese Normalität nur eine Frage der Perspektive.

Wenn wir an die Klientel denken, mit der viele Ehrenamtliche in den Einrichtungen der Diakonie, der Inneren Mission oder in den Kirchengemeinden zusammenarbeiten, so stellen wir fest, dass der Begriff des Normalen sich für viele unserer Gäste ganz anders darstellt als für die Allgemeinheit. Was etwa bedeutet „normal“ für jemanden, der oder die auf der Straße lebt? Was bedeutet „normal“ für jemanden, die oder der von Armut bedroht ist?

Im heutigen Workshop geht es darum, über psychische Auffälligkeiten, über das, was die Allgemeinheit als „nicht normal“ empfindet, zu reden. Monika Möhlenkamp, die Leiterin des Zentrums für Bildung und Teilhabe F.O.K.U.S., sowie ihr Kollege Jan Wiemann als dort tätiger Genesungsbegleiter führen uns heute durch den Workshop.

Auf der Website von F.O.K.U.S habe ich einen wunderbaren Satz gelesen: „Aus der Nähe betrachtet ist niemand normal.“ Ich finde, das ist ein prima Einstieg in den heutigen Tag. So etwas wie Normalität gibt es überhaupt nicht und das, was wir dafürhalten, ist eher ein kostbarer Sonderfall unseres modernen Lebens.

Mit diesen Worten möchte ich den heutigen Workshop eröffnen und wünsche Euch gute Einblicke in das Themenfeld „Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen“ und neue Erkenntnisse und Handlungsmöglichkeiten für Eure ehrenamtliche Arbeit vor Ort!