Wanderausstellung

über Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933-1945

„Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“ schreibt Helmut Bödeker 1934 in seinem handgeschriebenen Lebenslauf. Den Rechtschreibfehler haben die Ausstellungsmacher für den Titel ihrer neuen Ausstellung über die Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung zwischen 1933 und 1945 so übernommen. Das Zitat ist ein persönliches Zeugnis des „Zöglings“ aus dem Ellener Hof, der später eines gewaltsamen Todes sterben wird. Viele dieser persönlichen Zeugnisse und Briefe, die die Adressaten nie erreichten, gibt es in der Ausstellung „ ‚Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen‘. Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933-1945“.

Mit dieser Ausstellung wird erstmals überhaupt der Alltag von Bremer Jugendlichen in den Heimen der Jugendfürsorge in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert. Die Bremer Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht hat die Hintergründe im Auftrag des Diakonischen Werks Bremen e.V. über Jahre wissenschaftlich recherchiert. Entstanden sind daraus die Wanderausstellung und ein Begleitbuch, das im Kapitel 8, Domsheide 8, in Bremen gekauft werden kann.

„Dem Diakonischen Werk ist es ein Anliegen, Lebensgeschichten im Rahmen dieser Ausstellung beispielhaft in Erinnerung zu rufen, denn sie machen deutlich, dass Ausübung von Macht, Ausgrenzung und Normierung von Verhaltungsweisen systemisch angelegt waren. Wir möchten mit der Ausstellung und dem Buch ein hohes Maß an Transparenz schaffen und die Möglichkeit bieten, die Entwicklungen der Jugendfürsorge in der damaligen Zeit kritisch zu bewerten“, sagte Landesdiakoniepastor und Vorstand des Diakonisches Werks Bremen e.V. Manfred Meyer bei der Eröffnung der Ausstellung am 21. Oktober 2018 in der Galerie im Park.

Die Ausstellung rekonstruiert das Erleben der jungen Frauen und Männer unter anderem im Isenbergheim, Marthasheim, im Ellener Hof und im St. Petri Waisenhaus, aber auch in außerbremischen Einrichtungen der evangelischen Jugendfürsorge, wie der Betheler Zweiganstalt Freistatt oder der Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Sie zeigt, dass im Nationalsozialismus in der gesamten Wohlfahrtspflege ein neuer rassistisch geprägter Geist einzog. Wer war brauchbar? Wer lebenswert? Das waren die zentralen Fragen eines sich radikalisierenden Fürsorgenetzwerkes zwischen Heim, Jugendamt, Ärzten und Polizei. Im Mittelpunkt der Schau stehen Biographien der Betroffenen. Sie zeigen die dramatischen, zum Teil tödlichen Folgen der Aussonderung aus der „Volksgemeinschaft“, erzählen von Zwangssterilisationen und Deportationen in Jugendkonzentrationslager oder Einrichtungen der „Euthanasie“-Aktion. Damit wird zum ersten Mal für Bremen nachgewiesen, dass Kinder und Jugendliche vorsätzlich Opfer der sogenannten nationalsozialistischen Gesundheitspolitik wurden. Dokumente, Bilder und Hörstationen machen die Schicksale der jungen Menschen direkt greifbar.

„Für die Ausstellung war mir besonders wichtig, einen groben thematischen Überblick zu den Eckdaten der Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung zu geben und über einzelne Biografien das System der Ausgrenzung bzw. Aussonderung in den Tod nachvollziehbar zu machen“, sagte Autorin und Kuratorin Gerda Engelbracht.

Ein weiteres Projekt unter Beteiligung von Jugendlichen ist in Kooperation mit Demokratisch Handeln und dem Landesinstitut für Schule entstanden. Acht Schülerinnen und Schüler der Osterholzer Albert-Einstein-Schule haben für die Hörstationen in der Ausstellung überlieferte Briefe von damaligen „Fürsorgezöglinge“ gelesen. Darüber hinaus haben sie sich im Rahmen ihrer Ausbildung zum Junior-Guide intensiv mit dem Thema „Jugendfürsorge im Nationalsozialismus“ auseinandergesetzt und selbständig ein Führungskonzept entwickelt.

Schirmherrin der Ausstellung ist die Sozialsenatorin Anja Stahmann. „Ohne die finanzielle Unterstützung durch die Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport und die Bremische Evangelische Kirche wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Dafür meinen herzlichen Dank“, sagte Landesdiakoniepastor Manfred Meyer bei der Eröffnung. Auch dankte er herzlich Gerda Engelbracht, die in akribischer Arbeit, mit leidenschaftlichem Interesse und wissenschaftlich fundiert dieses Buch und die Wanderausstellung entwickelt hat.

Bei der Eröffnung sprachen neben Landesdiakoniepastor Meyer, dem Leiter der KulturAmbulanz, Achim Tischer, und der Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht auch Rolf Diener, der als Leiter des Jugendamtes Frau Senatorin Stahmann vertrat, sowie Jutta Dernedde als medizinische Geschäftsführerin der Gesundheit Nord.

Rolf Diener dankte der Diakonie und allen Beteiligten, die sich diesem schwierigen Thema gewidmet haben. Als besonders schlimm empfände er das „Aussondern“ während der NS-Zeit. „All das lässt uns auch heute sehr wachsam sein“, betonte er mit Blick auf gegenwärtige politische Entwicklungen. Ähnliches sagte auch Frau Dernedde, die es kaum fassen könne, dass in der heutigen Zeit gewisse Ideologien wieder Fuß fassen. „Es muss auch weiterhin unsere Aufgabe sein, an diese Zeit zu erinnern, in der Menschen großes Leid erfahren haben“, so Dernedde. Sie sei stolz, dass die Kulturambulanz dazu einen kleinen Teil beitragen kann mit dieser Ausstellung.

Dem schloss sich auch Landesdiakoniepastor Meyer an, der sich im Namen der Diakonie freute, dass die Wanderausstellung, die hoffentlich viele Menschen an ganz unterschiedlichen Orten in Bremen erreichen wird, mit ihrer Transparenz und Klarheit ebenfalls dazu einen Beitrag leisten kann.

(Text: Stefanie Beckröge, Kulturambulanz)