07.06.2021

Jugendfürsorge und Heimerziehung in Bremen in den Jahren 1933 bis 1945

Virtuelle Ausstellung des Diakonischen Werks Bremen e.V.


Über Jahre hinweg hat die Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht im Auftrag des Diakonischen Werks Bremen den Alltag von Bremer Jugendlichen in den Heimen der Jugendfürsorge in der Zeit des Nationalsozialismus erforscht. Das Ergebnis waren ein Buch und eine im Herbst 2018 eröffnete Ausstellung mit dem Titel „Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“ (Das Zitat ist dem handschriftlichen Lebenslauf von Helmut Bödeker entnommen. Der ehemalige „Zögling“ des Ellener Hofs schrieb ihn im Jahr 1934. Auf eine Korrektur der Rechtschreibung wurde bewusst verzichtet.). Die Ausstellung präsentieren wir nun im Sommer 2021 erstmals  als digitales Format auf dieser Seite. (Hinweis: Wenn Sie die Bilder/Videos auf dieser Seite anklicken, erfahren Sie mehr darüber.)

Blick auf die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen in der NS-Zeit

Die Ausstellung rekonstruiert erstmalig die wichtigsten Aspekte der Bremer Jugendfürsorge während der NS-Zeit. Einer Zeit, in der ein rassistisch geprägter Geist in der gesamten Wohlfahrtpflege Einzug hielt. Darüber hinaus ermöglicht sie einen Blick auf die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen, die in bremischen aber auch außerbremischen Einrichtungen der evangelischen Jugendfürsorge lebten. In ihren Biografien vermitteln sich die dramatischen Folgen des „Sichten und Siebens“ bis hin zur endgültigen Aussonderung aus der „Volksgemeinschaft“. Mindestens 41 Heimbewohner*innen wurden zwangsweise unfruchtbar gemacht, mindestens zehn Jugendliche starben nach ihrer Deportation in Jugendkonzentrationslager und psychiatrische Einrichtungen der „Euthanasie“-Aktionen.

"Uns ist es als Diakonie in Bremen  ein großes Anliegen – über die Diakonie hinaus – die Jugendhilfe der Jahre 1933 bis 1945 kritisch zu betrachten und diese Zeit transparent zu machen. Wir wollten mehr über die Situation von Kindern und Jugendlichen erfahren, die in der NS-Zeit in evangelischen Kinderheimen und Fürsorgeanstalten lebten – ihre Geschichten in Erinnerung rufen und erlebbar machen, den Opfern ein Gesicht geben."

Landesdiakoniepastor Manfred Meyer, Vorstand des Diakonischen Werks Bremen e.V.

Warum es diese Ausstellung der Diakonie Bremen gibt:

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Als zusätzliches Angebot zur Wanderausstellung hat das Diakonische Werk Bremen e.V. Ehrenamtliche geschult, die Führungen durch die Ausstellung anbieten. Waltraud Wulff-Schwarz koordiniert diese Ehrenamtlichen, die zu Recherchezwecken auch mit einem Zeitzeugen gesprochen haben. Zwei der Ehrenamtlichen haben auch an den Videos zur virtuellen Ausstellung mitgewirkt.



Aufwendige Recherche

Eine besondere Herausforderung bei Erfroschung des Alltags von Bremer Jugendlichen in den Heimen der Jugendfürsorge in der Zeit des Nationalsozialismus lag in den wenigen vorhandenen Akten. Insbesondere Mädchenakten waren kaum auffindbar. Gerda Engelbracht recherchierte an verschiedenen Stellen - wie in den Archiven heutiger Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, im Staatsarchiv und sprach auch mit Zeitzeug*innen.

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Erziehungsziel: Erziehung zur Volksgemeinschaft

Anfang des 20. Jahrhunderts setzte im Fürsorgebereich eine folgenschwere Entwicklung ein. Diese führte zu einer Verschiebung von Hilfe und Unterstützung hin zur Kontrolle und Disziplinierung. Kinder und Jugendliche wurden seitdem eingestuft als gutwillig und böswillig, als erziehbar, schwer erziehbar und nicht mehr erziehbar. Zudem behaupteten Ärzte und Psychiater, „Verwahrlosung“, „asoziales Verhalten“ und „Unerziehbarkeit“ seien Erbkrankheiten. Die nationalsozialistische Regierung übernahm diese Ideen und entwickelte sie weiter. Die Ein- und Unterordnung in die „Volksgemeinschaft“ galt zwischen 1933 und 1945 als wichtigstes Ziel der Erziehungsarbeit. „Die Erziehung der Jugend“, so der Entwurf eines Reichsjugendgesetzes von 1934, „ist Erziehung zur Volksgemeinschaft. Ziel der Erziehung ist der körperlich und seelisch gesunde, sittlich gefestigte, geistig entwickelte, beruflich tüchtige deutsche Mensch, der rassebewußt in Blut und Boden wurzelt und, getragen von den lebendigen Kräften des Christentums, Volk und Staat verpflichtet und verbunden ist.“ Kinder und Jugendliche, die sich diesen Vorgaben nicht anpassen konnten oder wollten, wurden dem Fürsorgesystem übergeben. Darin spielte in diesen Jahren Selektion und Ausgrenzung der jungen Menschen eine zentrale Rolle.


Das Bremer Netzwerk der Jugendfürsorge

Während des Nationalsozialismus galt in der Jugendfürsorge die Devise: „Der Teil gilt nur soviel, als er Wert ist für das Ganze“. Deshalb sollten „unbrauchbare Volksgenossen“ in möglichst jungen Jahren zu „brauchbaren Volksgenossen“ erzogen werden. Und wenn dies nicht gelang, sollten „minderwertige“ Jugendliche von der „gesunden“ Gesellschaft getrennt werden. An diesem Ausleseprozess beteiligten sich Mitarbeiter*innen aus den verschiedensten Institutionen. Sie saßen im Jugendamt, in den („Hilfs“-)Schulen, dem Gesundheitsamt, der Bremer Nervenklinik, bei der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und der Kriminalpolizei. Auch die Leiterinnen und Leiter der Bremer Heime waren wichtige Rädchen in der Maschinerie der Auslese. Sie schrieben Berichte, in denen sie die Zwangssterilisation der als aufsässig und unbequem empfundenen Jugendlichen forderten. Ebenso beantragten sie Verlegungen in außerbremische Anstalten, in Einzelfällen auch in Jugendkonzentrationslager.

Durch „die allgemeine Auslese der gefährdeten Jugend [bleibt] nach und nach nur noch der überhaupt nicht brauchbare Teil der Jugendlichen“ zurück. Es ist „Aufgabe des nationalsozialistischen Staates, die Pflegekosten für aussichtslose Fälle auf jeden Fall herabzusetzen, um somit zu erreichen, dass die Ersparnisse der gesunden Jugend zugeführt werden können.“

Peter Piorkowski (1897-1953), Leiter des Bremer Jugendamtes 1934-1939

Über das Code-Wort "Lungenentzündung":

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Über die Zwangssterilisation:

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Bremer Heime der Jugendfürsorge   

Die wichtigsten Träger der Kinder- und Jugendfürsorge waren seit der Reformation im 16. Jahrhundert die christlichen Kirchen. Im protestantischen Bremen wurden die Heime fast ausnahmslos von der evangelischen Kirche getragen. Zwischen 1933 und 1945 lebten schätzungsweise 3.000 Jungen und Mädchen in den Bremer Heimen, aber auch in außerbremischen Einrichtungen. Die meisten von ihnen kamen aus schwierigen Verhältnissen und hatten schon dort nur wenig Förderung und Wertschätzung erfahren. Nicht wenige waren elternlos, lebten zuvor bei einem überforderten Elternteil oder in Pflegefamilien, in denen sie nicht willkommen waren. Für sie bot die Heimunterbringung auch Schutz. Schwer hatten es dagegen Heimbewohner*innen, die rebellierten, als „gefährdet“ oder „erbkrank“ galten. Denn seit Beginn des Nationalsozialismus stand die Heimerziehung unter dem Vorzeichen des „Sichten und Siebens“. So sollten im St. Petri Waisenhaus „erbgesunde“ und „rassisch einwandfreie“ Jungen Aufnahme finden, während man „minderwertige“ und „nicht arische“ Kinder in den Ellener Hof überwies.


Außerbremische Einrichtungen und Jugendkonzentrationslager

Lange vor 1933 war es üblich, Bremer „Fürsorgezöglinge“ in Einrichtungen außerhalb der Hansestadt unterzubringen. Von derartigen Verlegungen waren insbesondere „schwere Erziehungsfälle“ und „fluchtgefährdete“ Jugendliche betroffen. Die meisten von ihnen wurden in geschlossene evangelische Heime überführt: die weiblichen Jugendlichen in die Diakonissenanstalt Kaiserswerth (Düsseldorf) und in die Bergische Diakonie Aprath (bei Wuppertal), die männlichen Jugendlichen vor allem in die Betheler Zweiganstalt Freistatt (Landkreis Diepholz). Seit Beginn der 1940er Jahre ging man dazu über, die als „unerziehbar“ eingestuften Mädchen und Jungen in Jugendkonzentrationslager zu überführen. 


Alltag im Heim   

Nicht nur in der konfessionellen Heimerziehung hatte das Konzept des Pädagogen August Hermann Francke über viele Jahrhunderte Bestand. Danach galt es den „natürlichen Eigenwillen“ des Kindes durch „strenge Zucht“, totale Kontrolle, Arbeit und Unterricht zu brechen. Dementsprechend war der Alltag in den Kinderund Jugendheimen bis ins Detail durchgeplant, ohne Raum für eine individuelle Entfaltung. Die jüngeren Kinder gingen in die heimeigene oder in die benachbarte Volks- oder „Hilfsschule“. Die Älteren wurden mit den damals üblichen geschlechtsspezifi schen Tätigkeiten beschäftigt. Dazu zählten für die Mädchen Haus- und Gartenarbeit, Kochen, Nähen, Flicken, Waschen und Bügeln, für die Jungen handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeiten. Körperliche und seelische Gewalt zielten darauf ab, die Bewohner*innen einzuschüchtern und zu gefügigen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen.

  „Einmal bin ich auch bestraft worden. […] Oben im Karzer, so nannten sie das. Das war ein Gefängnisraum, ich schätze zwei mal zwei Meter vielleicht und oben war ein Schacht, der ging spitz zu und in dem Schacht war ein Dachfenster. Da konnte man nur so ein bisschen Tageslicht sehen. Rehse hat mich mit den Fäusten geschlagen. Ich dachte, hoffentlich hört der bald auf. Ich war total fertig. Der wollte gar nicht aufhören, das war furchtbar. Und dann musste ich da über Nacht bleiben. Das war ein Gefühl, da drin zu sitzen, kein Bett, keine Decke, nichts und dann über Nacht.“ 

Ludwig Hombach (geb. 1928, Name anonymisiert) erinnert sich 2017 an seine Zeit im Ellener Hof 1941/42


„Liebe Mutti und Vati! Ich bitte um verzeihung.“

Wie haben die Kinder und Jugendlichen die Zeit im Heim erlebt? Was waren ihre Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Freuden? Auf Grund der lange vergangenen Zeit gibt es kaum noch Frauen und Männer, die Antworten auf diese Fragen geben können. Einen eingeschränkten Zugang ermöglichen Briefe, die niemals abgeschickt wurden und bis heute ungeöffnet in den „Zöglingsakten“ liegen. Die an Mütter und Väter, selten an Freunde adres- sierten Worte, lassen die Einsamkeit der Bewohner erahnen und erzählen von den verzweifelten Wünschen nach Zuwendung und Zugehörigkeit. Auf erfrischende Weise wird in dem Brief, den der 17-jährige Karl-Heinz an seinen Freund schrieb, jugendlicher Eigensinn spürbar und damit der Versuch, der Macht der „Fürsorge“ einen Kontrapunkt entgegen zu setzen.

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„Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“ schreibt Helmut Bödeker 1934 in seinem handgeschriebenen Lebenslauf. Das Zitat ist ein persönliches Zeugnis des „Zöglings“ aus dem Ellener Hof, der später eines gewaltsamen Todes sterben wird. Einige dieser persönlichen Zeugnisse und Briefe, die die Adressaten nie erreichten haben acht Schülerinnen und Schüler der Osterholzer Albert-Einstein-Schule in Kooperation mit Demokratisch Handeln und dem Landesinstitut für Schule für die Ausstellung vorgelesen.

Wieso wir diese Briefe haben:

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Lebensgeschichten der Betroffenen

Ein besonderes Augenmerk galt bei der Forschung den Lebensgeschichten und Lebensspuren der Betroffenen. Durch das in Erinnerung rufen der persönlichen Schicksale von jungen Menschen wird die Ausstellung erlebbar und berührt in ganz besonderer Weise. Die unterschiedlichen Lebensgeschichten vereinigt gleichermaßen die Ungerechtigkeit, die diesen jungen Menschen wiederfahren ist. Die Biografien jugendlicher Mädchen und Jungen machen die dramatischen (zum Teil tödlichen) Folgen der Aussonderung aus der „Volksgemeinschaft“ greifbar: die Durchführung von Zwangssterilisationen, die Deportation in Jugendkonzentrationslager und Einrichtungen der „Euthanasie“- Aktionen.

Über Ella Nürnberg:

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Über Maria Franz:

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Über Selmar Störmer:

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„Ich wußte nicht, was ich machen sollte ...“

Selmar ist 11 Jahre, als die Mutter und der Stiefvater seine Aufnahme ins St. Petri Waisenhaus beantragen. Als Gründe geben sie an, dass ihr Sohn „außerordentliche Schwierigkeiten“ bereite und zudem die Schule schwänze. Es scheint, dass die Eltern den in ihren Augen „missratenen“ Sohn los werden wollen.

„Allgemeines Verhalten: zugänglich, freundlich“

Walter Wübbenhorst wird in Bremen als Sohn eines Maschinenbauers und seiner Ehefrau geboren. Er besucht die Hilfsschule am Hulsberg. Als die Ehe der Eltern geschieden wird, übernimmt das Jugendamt die fürsorgerische Betreuung des inzwischen 14-Jährigen. Nachdem mehrere Ausbildungsversuche scheitern, steht für die Mitarbeiter des Jugendamts fest: Walter zählt „zu den asozialen und arbeitsscheuen Elementen“.

"Sobald man Kontakt suchte mit jemanden, hagelte es Strafen."

Hilde kommt in Westpreußen (heute Polen) zur Welt. Die Mutter stirbt früh, der Vater gründet eine neue Familie und lässt Hilde bei den Großeltern zurück. Im Alter von 15 Jahren zieht sie zu ihrem Vater, der mit seiner Familie inzwischen in Bremen lebt. Kurze Zeit später wird Hilde wegen ihres „liederlichen“ Lebenswandels ins Marthasheim eingewiesen.

Dann „war sie so glücklich, wenn sie mal rauskam.“

Maria wird als Tochter einer Sintezza geboren. Sie wächst bei Pflegeeltern in einem Dorf in der Nähe von Bremen auf. Nach ihrer Schulzeit arbeitet sie als „Hausgehilfin“ in einem Bremer Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Die Leiterin wendet sich an das Jugendamt: Maria sei zwar willig, gehorsam und anhänglich, aber zugleich „schwachsinnig“, „triebhaft“, „aufdringlich“, „hemmungslos“ und „wenig leistungsfähig“. Umgehend erfolgt ihre Einweisung ins Marthasheim.

„Möchte allerdings später heiraten“

Marie stammt aus einfachen Verhältnissen, ihr Vater stirbt früh. Sie besucht die Volksschule und im Anschluss daran die Mädchenberufsschule. 1934 zeigen Nachbarn das 15-jährige Mädchen wegen „unzüchtiger Handlungen“ beim Jugendamt an. Bald darauf wird sie wegen „drohender Verwahrlosung“ in den Hartmannshof eingewiesen und umgehend dem Erbgesundheitsgericht angezeigt.

„Sicherheit des Mädels in den Mädchenheimen Bremens nicht gewährleistet“ 

Ella Nürnberg wird in Bremen als uneheliches Kind einer 20-jährigen Arbeiterin geboren. Ella ist 16 Jahre als ihre Mutter beim Jugendamt Fürsorgeerziehung für die Tochter beantragt. Ihre Begründung: Ella treibe „sich fortgesetzt und gewohnheitsmäßig liederlich“ herum. Weil sie als „stark fl uchtverdächtig“ gilt, wird sie nach wenigen Wochen aus dem Bremer Isenbergheim in die Bergische Diakonie Aprath überführt. 

„Freut sich, daß er hier ist.“

Georg Olschenka wird in Oberschlesien (heute Polen) in eine kinderreiche Familie geboren. Er ist 15 Jahre alt, als man ihn zum ersten Mal in ein Erziehungsheim einweist. Nach seiner Entlassung macht er sich auf den Weg in den Norden Deutschlands, um als Gelegenheitsarbeiter sein Brot zu verdienen. Nach Anzeigen wegen Bettelei und Diebstahl wird er in den Ellener Hof eingewiesen.

„Denn bin ich unter das Jugenamt gekommen“ 

Helmut kommt als Sohn einer ledigen Mutter zur Welt. Er wächst bei Pfl egeltern und in verschiedenen Heimen auf. Seinen Vater lernt er niemals kennen. Zur Mutter hat er keinen Kontakt. Nachdem er sechs Jahre in der hessischen Anstalt Hephata gelebt hat, wird er im St. Petri Waisenhaus aufgenommen und von hier aus in den Ellener Hof verlegt.


Rückblick auf die ersten Jahre der Wanderausstellung:

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Heimerziehung heute: Kinder und Jugendliche aus Alten Eichen erzählen

Insgesamt 21 Jugendliche aus Alten Eichen haben 2018 für diese Ausstellung an einer Befragung über ihren Alltag im Heim teilgenommen. Sie haben diese vier Fragen beantwortet: Wann bist du hier eingezogen? Was gefällt dir? Was vermisst du? Womit beschäftigst du dich am liebsten? Und sie haben für die Ausstellung ein Foto von einem Ort oder einem Objekt gemacht, der oder das für sie ein Symbol für ihr Leben im Heim darstellt. Die Antworten geben einen subjektiven Eindruck von den Bedürfnissen, Wünschen und Sorgen heutiger Kinder und Jugendlicher. Vielen Dank an die Jugendlichen und Heimbeiräte aus Alten Eichen (heute: Petri & Eichen), die bereit waren, die historische Ausstellung mit aktuellen Bezügen zu ergänzen. Klicken Sie die Bilder an, um mehr zu erfahren.

 


Widmung

Mindestens 41 Jugendliche, die in den Bremer Heimen lebten, wurden zwischen 1934 und 1944 zwangsweise unfruchtbar gemacht. Mindestens zehn Jugendliche starben nach Überweisungen in Konzentrationslager oder psychiatrische Anstalten eines gewaltsamen Todes. Ihre Namen sind: Maria Franz, Hilde Reddig, Ella Nürnberg, Selmar Störmer, Hans Schloh, Georg Olschenka, Helmut Bödeker, Walter Wübbenhorst, Heinrich Roth und Helmut Rakow. Ihnen und den Opfern der Zwangssterilisation ist diese Dokumentation gewidmet.

Orte der Wanderausstellung:
 

Die Ausstellung war schon zu Gast in der Kulturambulanz, Bremischen Bürgerschaft, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Vereinigten Ev. Gemeinde Bremen-Neustadt, St. Petri Kinder- und Jugendhilfe gGmbH, Stiftung Friedehorst, dem Wall-Saal der Stadtbibliothek, Kirchengemeinde Oberneuland, Diakonischen Jugendhilfe Bremen gGmbH, Wilhelm-Kaisen-Oberschule und dem DOKU Blumenthal. Weitere Ausstellungsorte sollen Das Evangelische Informationszentrum Kapitel 8 sowie die Humboldtschule in Bremerhaven sein.

Mehr über die Termine und Orte der Wanderausstellung

Ein Blick in die Ausstellung:

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Die Wanderausstellung und Publikation sind das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das im Auftrag des Diakonischen Werkes Bremen e. V. durchgeführt wurde.

Schirmfrau: Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport

Kurator*innen: Gerda Engelbracht, Achim Tischer

Recherche und Texte: Gerda Engelbracht

Gestaltung der Ausstellungstafeln: Thomas Donker

Videos: Karsten Klama

Digitale Umsetzung: Regina Bukowski


Kontakt für Rückfragen: