27.01.2021

Gegen den Sanitärnotstand in der Innenstadt

Dank der Unterstützung durch die Diakonie Bremen ist eine frei zugängliche Toilette in der Kirche Unser Lieben Frauen auch in der Pandemie möglich

„Menschen, die auf der Straße leben, haben durch die Pandemie noch mehr Schwierigkeiten, einen Ort für die Notdurft zu finden. Gleichzeitig droht ihnen beim Urinieren in der Öffentlichkeit ein Bußgeld. Das ist nicht hinnehmbar – wo sollen sie denn hingehen in ihrer Not?“
Landesdiakoniepastor Manfred Meyer, Vorstand Diakonie Bremen

 

Pressefoto Manfred Meyer
Foto: Karsten Klama

„Frei zugängliche Toiletten sind ein Menschenrecht. Nicht nur in der Pandemie ist es ein Skandal, dass es für wohnungslose Menschen keine funktionierende Sanitärinfrastruktur in Bremen gibt, die auch für sie problemlos zugänglich und vor allem kostenlos ist."
Pastor Stephan Kreutz, Gemeinde Unser Lieben Frauen

Ein Portrait von Stephan Kreutz.
Foto: Stephan Kreutz

Es braucht mehr frei zugängliche Toiletten in Bremen – darin sind sich Manfred Meyer und Stephan Kreutz einig. Derzeit gibt es nur wenige öffentliche Toiletten in Bremen, die auch immer eine Nutzungsgebühr verlangen. Die sogenannten „Netten Toiletten“ sind vielerorts derzeit ohnehin nicht geöffnet, bieten aber auch ohne Pandemie kaum eine Möglichkeit für Wohnungslose, da diese dort meist gar nicht hineingelassen werden.

Etwas gegen den Sanitärnotstand unternehmen

Um gegen diesen Notstand etwas zu tun, haben sich das Diakonische Werk Bremen und die Kirchengemeinde Unser Lieben Frauen zusammengetan. „Mir platzt der Kragen, wenn ich sehe, wie Menschen gezwungen sind, in irgendwelchen Ecken, auch an unserer Kirchenmauer, zu urinieren. Deshalb müssen wir gerade jetzt etwas für die auf der Straße lebenden Menschen in unserer Stadt tun und haben uns entschlossen, die Toiletten unserer Stadtkirche trotz des Shutdown zu öffnen“, so Kreutz.

Corona-Nothilfe der Diakonie unterstützt frei zugängliche Toilette

Möglich wird das jetzt in der Pandemie durch eine finanzielle Unterstützung durch das Diakonische Werk. Die Toiletten der Stadtkirche müssen nämlich pandemiebedingt mehrmals täglich regelmäßig professionell gereinigt werden, um den erhöhten Hygieneanforderungen bei der erwarteten intensiven Nutzung zu genügen – und genau dafür stellt das Diakonische Werk Bremen e.V. Spenden der Corona-Nothilfe für Wohnungslose und arme Menschen zur Verfügung. „Wir freuen uns, mit diesen Mitteln die pandemiebedingt notwendige zusätzliche Reinigung der nun frei zugänglichen Toilette in Unser Lieben Frauen zu ermöglichen. Toiletten sind eine Frage der Würde. Daher freue ich mich, dass der Kirchenvorstand von Unser Lieben Frauen diesem Vorhaben so kurzfristig zugestimmt hat“, so Meyer. Nun wird eine Reinigungsfirma beauftragt, die Toiletten tagsüber zu reinigen, damit sie den erhöhten Hygieneanforderungen in dieser Pandemie entsprechen. „Wir sind sehr dankbar, dass das Diakonische Werk die Kosten für diesen Mehraufwand übernimmt. Das ist praktische Corona-Nothilfe der Diakonie, die Menschen auf der Straße schnell und unkompliziert hilft“, so Kreutz.

Natürlich sind die tagsüber geöffneten Toiletten der Stadtkirche nur ein Baustein auf dem Weg zu einer flächendeckenden Infrastruktur. „Die Trinkwasser- und Sanitärversorgung gehört zur öffentlichen Daseinsfürsorge. Damit das erfüllt werden kann, braucht es noch deutlich mehr frei zugängliche Sanitäranlagen in Bremen. Davon profitieren übrigens alle – nicht nur Wohnungslose. Auch Touristen, Menschen beim Einkaufen oder Spazieren könnten diese WCs nutzen“, so Meyer.

Kundenstopper vor der Kirche informieren mit dem Slogan „Auch dafür sind wir offen“ verbunden mit einem WC-Signet über die Aktion, verbunden mit dem Hinweis „... hier in der Stadtkirche dürfen Sie kostenlos das WC benutzen und wir setzen uns dafür ein, dass es in Bremen zukünftig mehr frei zugängliche Toiletten gibt.“.

Spaziergänger unter Druck

Der Sanitätsnotstand in Bremen wurde in den vergangenen Tagen besonders thematisiert, da dieses Problem im Artikel vom Weser-Kurier vom 13.01.2021 mit dem Titel „Spaziergänger unter Druck“ von Seiten des Bau- und Umweltressorts heruntergespielt wurde. Dort heißt es:

„Man kann einen zusätzlichen Toilettenwagen aufstellen. Aber für wen?“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bau- und Umweltressorts, und verweist auf die Leere in der City. „Es sind keine Touristen da.“ Zudem sei im Aktionsprogramm Innenstadt eine weitere öffentliche Toilette vorgesehen – wenn wieder Betrieb herrsche. „Die Zeichen der Zeit sind erkannt. Die Planungen laufen bereits, um dauerhaft einen großen Toilettencontainer aufzustellen.“ Derzeit hielten sich fast ausschließlich Personen in der City auf, die dort ihren Arbeitsplatz und damit auch sanitäre Anlagen zur Verfügung hätten.

Dazu sagt Landesdiakoniepastor Manfred Meyer, Vorstand des Diakonischen Werks Bremen e.V.: „Diese Aussage des Bau- und Umweltressorts ist grundsätzlich falsch. Hier werden nur die Touristen und Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen in den Blick genommen - dabei ist das Thema der Toilettennot in Bremen für eine andere Zielgruppe viel dramatischer, die hier vollkommen vergessen wird: Die Menschen, die auf der Straße leben, haben (durch die Pandemie noch mehr) die Schwierigkeit einen Ort für die Notdurft zu finden. Gleichzeitig droht ihnen beim Urinieren in der Öffentlichkeit ein Bußgeld. Das ist nicht hinnehmbar – wo sollen diese Menschen denn hingehen in ihrer Not?“

Das Diakonische Werk Bremen e.V. setzt sich schon lange im Rahmen des unterstützen Aktionsbündnisses für Wohnungsnot und bei der kirchlichen Caféarbeit für mehr öffentliche Toiletten ein. Derzeit gibt es nur wenige öffentliche Toiletten in Bremen, die auch immer eine Nutzungsgebühr verlangen. Die sogenannten „Netten Toiletten“ sind vielerorts derzeit ohnehin nicht geöffnet, bieten aber auch ohne Pandemie kaum eine Möglichkeit für Wohnungslose, da diese dort meist gar nicht hineingelassen werden.

„Die Betroffenen berichten uns immer wieder von dieser Schwierigkeit. Wenn es nur wenige öffentliche Toiletten gibt, diese dann aber auch immer etwas kosten, man in Geschäften und Restaurants nicht hineingelassen wird und auch keine eigene Wohnung hat, welche Option für den Toilettengang bleibt dann noch? Wer sich zum Pinkeln hinter einen Busch oder Baum versteckt, um irgendwie die Notdurft zu verrichten, wird mit einem Bußgeld belegt, denn öffentliches Urinieren ist verboten. Doch ohne Alternative zwingt man die Betroffenen doch dazu genau das zu tun“, so Meyer. 

Pandemie verschärft das Problem

Ein weiteres Problem, das sich gerade auch jetzt in der Pandemie zeigt und die Toilettennot noch weiter verschärft (neben den ohnehin eingeschränkteren Öffnungszeiten an vielen Orten): Vielerorts muss - auch beim Aufsuchen einer Toilette im Haus - aufgrund der Maßnahmen zum Schutz vor dem Corona-Virus eine Kontaktadresse oder Telefonnummer angegeben werden (um im Falle einer Covid-19-Infektion an diesem Ort informiert werden zu können). Eine wichtige Maßnahme, um Kontakte nachverfolgen zu können - doch was macht ein Wohnungsloser, der weder Adresse noch Telefonnummer hat? Auch diese Problematik sollte dringend in den Blick genommen werden.

Die Lage der Toilettennot in Bremen ist dramatisch – vor allem da Trinkwasser und Sanitärversorgung zur öffentlichen Daseinsfürsorge gehören (dies haben die Vereinten Nationen 28. Juli 2010 beschlossen). Und damit das erfüllt werden kann, braucht es 24 Stunden am Tag (kosten-)frei zugängliche Sanitäranlagen in Bremen. Um hier eine schnelle Lösung zu finden, fordert genau das das Diakonische Werk Bremen e.V. vom Land Bremen für die Menschen, die auf der Straße leben. „Von frei zugänglichen Toiletten profitieren übrigens alle – nicht nur Wohnungslose. Auch Touristen, Menschen beim Einkaufen oder Spazieren könnten diese WCs nutzen“, so Meyer.

Sozialstadtplan gibt Überblick über Angebote für Wohnungslose in der Pandemie

Um in der aktuellen Pandemie-Lage einen Überblick zu schaffen, bei welchen Angeboten zu welcher Zeit ein Toilettengang für Wohnungslose möglich ist, hat das Diakonische Werk auf seinem Sozialstadtplan neben Essensausgabestellen und Duschmöglichkeiten nun auch die Rubrik Toiletten mit aufgenommen. Online ist dieser zu finden unter www.diakonie-bremen.de/sozialstadtplan Zusätzlich wird der regelmäßig aktualisierte Sozialstadtplan auch in gedruckter Form in Bremen verteilt.

Text: Regina Bukowski

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