08.07.2021

Mein Freiwilliges Jahr

Erfahrungen sammeln im Bereich der Wohnungslosenhilfe

 

Lisa absolviert ihr Freiwilliges Jahr bei der Diakonie Bremen vormittags im Café Papagei der Inneren Mission und nachmittags in der Bahnhofsmission. Für uns hat sie ihre Erfahrungen einmal zusammengefasst.

Was möchte ich nach der Schule machen?

Wie vielen anderen Schüler*innen schoss mir diese Frage zum Ende meiner Schulzeit durch den Kopf. Neben Überlegungen, ob ich direkt ein Studium beginnen soll oder doch eine Ausbildung, erstmal durch die Welt reise oder einfach jobbe, entschied ich mich schlussendlich für ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Wunsch mit Menschen zu arbeiten

Mir war schon während meiner Schulzeit bewusst, dass ich unbedingt mit Menschen arbeiten und ihnen insbesondere beistehen will. Meine Freunde legten mir nahe, in einer Grundschule oder in einem Kindergarten zu arbeiten - doch ich wollte Personen kennenlernen, die einen ganz anderen Blick auf das Leben haben. Personen, die oftmals vom Rest der Gesellschaft ignoriert werden und doch wahre Überlebenskünstler sind – also bewarb ich mich, dank der Diakonie Bremen, für ein FSJ bei der Bahnhofsmission Bremen. Diese steht unter der Trägerschaft des Vereins für Innere Mission in Bremen und des Caritasverbandes Bremen e.V. und ist Teil des Hilfeangebotes der Wohnungslosenhilfe, aber eben auch die Unterstützung all jener, die sich im Bahnhof bewegen - unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder Sexualität. Bei ihr bekommen alle die Hilfe, die sie brauchen: einen warmen Platz zum Ausruhen, Auskünfte, Weitervermittlung an andere Einrichtungen oder Unterstützung bei der Orientierung im Bahnhof, speziell für Reisende. Die Bahnhofsmission steht den Hilfesuchenden mit einem offenen Ohr zur Seite.

 

 

Schwerer Start durch Corona-Pandemie

Für das nächste Jahr, von September 2020 bis August 2021, sollten das auch meine alltäglichen Aufgaben werden. Allerdings bereitete die Coronapandemie dem Ganzen einen schweren Start: Die Bahnhofsmission musste über ein halbes Jahr schließen und auch der Start meines Freiwilligen Jahres war davon betroffen. Eine Woche vor Beginn meiner Arbeitszeit wurde ich darüber informiert, dass ich zunächst vorübergehend im Tagestreff „Café Papagei“ des Vereins für Innere Mission, welcher für wohnungslose und von Armut betroffene Menschen geöffnet ist, arbeiten solle. Also fing ich im September 2020 an, für Hilfsbedürftige in dem kleinen Café zu kellnern, Essen (belegte Brötchen oder auch Mittagessen) vorzubereiten und die Leibwäsche der Gäste zu waschen.

Besucher*innen schätzen Gespräche

Aber meine wesentlichste Aufgabe in den letzten Monaten war das Zuhören, ein offenes Ohr anzubieten, auch wenn es nur kleine Gespräche waren. Viele der Menschen auf der Straße sind einsam, haben nur wenige Bezugspersonen und suchen gerade deswegen die Möglichkeit etwas von ihrem Leben preiszugeben. Auch als Mitte September die Bahnhofsmission ihre Türen wieder für Hilfsbedürftige öffnete, und ich nun vormittags im Café Papagei und nachmittags in der Bahnhofsmission arbeitete, fiel mir der wirkliche Wert von kleinen Gesprächen, die ich jeden Tag führte, auf. Zu meiner Überraschung kamen immer mehr Personen in die Einrichtung, um sich speziell mit mir zu unterhalten, sei es, weil ich mit ihnen Deutsch üben sollte oder weil sie mir von ihrer Kindheit und vom Verlust ihrer Familienmitglieder unter Tränen berichten wollten. Insbesondere in der Weihnachtszeit wurde der Wunsch nach Gesprächen lauter. Mittlerweile arbeite ich seit zehn Monaten in den beiden Einrichtungen und habe reichlich positive aber auch ein paar negative Erfahrungen gesammelt, mit denen ich ein ganzes Buch füllen könnte.

Mit Freundlichkeit und Respekt

In dieser Zeit habe ich gelernt, dass Freundlichkeit und vor allem Respekt gegenüber anderen sehr wichtig ist. Auch wenn eine Person schmutzige Kleidung oder keine Schuhe trägt, verdient sie es gesehen und respektiert zu werden. Auch ich wurde in der Zeit meines Freiwilligen Jahres unhöflich beschimpft, doch ich habe nie meine Höflichkeit verloren. Denn hinter jedem dieser Menschen verbirgt sich eine individuelle und zugleich oft traurige Geschichte. Ich habe wirklich tolle Personen während meines Freiwlligen Jahres kennengelernt - ob Kollegen*innen oder Klienten*innen, die mir wertvolle Lebensweisheiten mit auf dem Weg gegeben haben. Wenn meine Arbeitszeit Ende Juli ausläuft wird es mir schwer fallen diese zu verlassen - doch ich gehe mit einem guten Gefühl: Denn ich habe meinen Traumberuf durch diese Menschen gefunden. Ich werde bald in Hamburg mein duales Studium Soziale Arbeit beginnen.

Ich habe meinen Traumberuf durch diese Menschen gefunden.

Text: Lisa Riesselmann

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