18.12.2015

Ein Zelt ist keine Wohnung

Besuch diakonischer Flüchtlingsunterkünfte

 

Manfred Meyer, Landesdiakoniepastor und Geschäftsführer des Diakonischen Werks Bremen e.V., und Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche und Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, haben im Dezember 2015 verschiedene Flüchtlingsunterkünfte in Bremen besucht. In der Zeltunterkunft Überseetor (betrieben von einem Mitglied des Diakonischen Werks Bremen e.V., dem Verein für Innere Mission in Bremen) und einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Ausländer in Osterholz (betrieben vom Deutschen Roten Kreuz und der diakonischen St. Petri Kinder- und Jugendhilfe) haben sie sich vor Ort ein Bild von der Unterbringung gemacht.

 

Ankommen und sich zuhause fühlen

„Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen sind die Zeltunterkünfte unvermeidlich“, so Manfred Meyer. „Langfristig müssen wir allerdings alles daransetzen, dass sie eine Notlösung bleiben.“ Besonders im Winter sei ein Zelt als Unterkunft die denkbar schlechteste Lösung. Trotz aller Bemühungen die Zelte gegen die Kälte zu isolieren, sei diese Unterbringung nicht mit einer eigenen Wohnung zu vergleichen. Schließlich bieten Zelte oder auch Container den Menschen kaum Privatsphäre. Dabei ist dies ein wichtiger Aspekt eines menschenwürdigen Lebens. Nur eine eigene Wohnung oder eine ähnlich persönliche Unterbringung kann das Gefühl von „zuhause“ bieten, das sich die geflüchteten Menschen wünschen. „Der soziale Wohnungsbau muss vom Senat deshalb dringend noch stärker in den Blick genommen werden“, fordert Meyer. Die 25-Prozent-Regelung zur Intensivierung des sozialen Wohnungsbaus reiche nicht aus. Die Quote müsse erhöht werden. „Zumutbarer und bezahlbarer Wohnraum ist ein Menschenrecht. Das gilt für Geflüchtete gleichermaßen wie für arme Menschen und die 600 obdachlosen Bremerinnen und Bremer“, so Meyer.

 

Gesellschaftliche Teilhabe

Die Diakonie Bremen und die Bremische Evangelische Kirche tragen auf vielfältige Weise ihren Teil dazu bei, den etwa 10.000 nach Bremen geflüchteten Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich wenigstens etwas „zuhause“ zu fühlen. „Wir danken allen Menschen, die sich haupt- und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren“, betonten Brahms und Meyer. Nur durch dieses Engagement seien die zahlreichen Angebote der Diakonie und der Bremischen Evangelischen Kirche möglich. „Wir freuen uns, dass wir das Angebot noch weiter ausbauen können“, so Meyer. Das Diakonische Werk Bremen e.V. wird 40 zusätzliche Plätze im Bundesfreiwilligendienst anbieten. Diese können von Geflüchteten oder in der Arbeit mit Geflüchteten besetzt werden. Die Bremische Evangelische Kirche stellt zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung und hat sechs Kirchen und Gemeindezentren als Unterkünfte angeboten. „Perspektivisch halte ich es auch für sehr wichtig, dass die neu zugezogenen Menschen, in ihren Stadtteil integriert werden. Wie das gut gehen kann, zeigt sich zum Beispiel in der Gemeinde Neue Vahr. Hier kommen 30 Prozent aller Flüchtlinge mit Bleibeperspektive an. Die Sozialdiakonie der Kirchengemeinde bietet eine Kleiderkammer, einen Fast- Umsonst-Laden, eine Fahrradwerkstatt, Umzugshilfe, Sozialberatung und jeden Sonntag eine kostenlose warme Mahlzeit für alle Menschen in der Vahr, unabhängig von ihrer Herkunft. Hier werden Flüchtlinge und alteingesessene Bewohner und einander näher gebracht. Solche Projekte haben Vorbildcharakter, denn nur durch gemeinsame Aktivitäten und Vernetzung aller lokalen Unterstützer können sich die Menschen willkommen fühlen, die deutsche Sprache lernen und im Stadtteil heimisch werden.“

Zukunftsperspektive für Jugendliche

Heimat und Anschluss können die acht unbegleiteten minderjährigen Ausländer, die in der Wohngruppe Osterholz untergebracht sind, auch im Bremer Stadtteil Osterholz finden. „Die Wohngruppe Osterholz erscheint mir nicht wie ein Übergangswohnheim. Es ist ein Zuhause für die Jugendlichen, die in Bremen ihre Chancen ergreifen möchten“, so Manfred Meyer. Er war bereits im Frühjahr 2015 zu Besuch in der Wohngruppe, die auch im Dezember besucht wurde. Schon damals sprach er mit der Teamleiterin über das Thema Zukunftsperspektive. Gerade durch die Patenmodelle in der Diakonie zeigt sich täglich, wie wichtig es ist, dass jungen Menschen eine Perspektive für ihr berufliches und persönliches Leben angeboten wird. „Von den jungen Menschen, die aus ganz verschiedenen Nationen zu uns kommen, werden voraussichtlich nur die Hälfte einen Asylantrag stellen. Daher müssen wir uns fragen: Was passiert mit denen, die keinen Antrag stellen?“ Auch für sie sollte, so Meyer, eine Perspektive aufgezeigt werden. So sei es wichtig, dass eine langjährige Duldung dieser Jugendlichen in den Blick genommen wird. „Die Jugendlichen müssen die Chance erhalten, die Schule zu besuchen, eine Ausbildung zu absolvieren und einen Beruf auszuüben. Nur so können sie, was sie auch gerne möchten, für ihre eigene Unterkunft aufkommen.“

Ein Armband mit der Aufschrift "Willkommen".
Foto: Diakonie Deutschland

Jetzt ein Zeichen setzen: „Refugees welcome“

Mit einen Stoff-Armband für zivilgesellschaftliches Engagement einsetzen und dabei einen guten Zweck unterstützen Das Diakonische Werk Bremen e.V. setzt sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern und der Bremischen Evangelischen Kirche für die Geflüchteten in Bremen ein. Insgesamt leben rund 2.500 Geflüchtete in den verschiedenen diakonischen Einrichtungen. Auch viele Menschen in den Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche beteiligen sich aktiv an der Unterstützung und Beratung der Flüchtlinge und setzen sich für ihre menschenwürdige Unterbringung und Begleitung ein. Mit den Stoffarmbändern „Refugees welcome“ und „Willkommen“ für je fünf Euro können Interessierte Bremer*nnen ein Zeichen für zivilgesellschaftliches Engagement setzen. Drei Euro davon gehen als Spende an Bremer Projekte der Flüchtlingshilfe.


Landesdiakoniepastor Manfred Meyer zur Situation der Flüchtlinge:

Immer mehr Menschen verlassen ihre Heimat und kommen nach Bremen. Wie geht die Diakonie damit um? Viele unserer Mitglieder sind im Bereich der Flüchtlingshilfe sehr engagiert. Rund 2.500 Flüchtlinge leben derzeit in den verschiedenen diakonischen Einrichtungen. Und auch wir, das Diakonische Werk Bremen, bieten im Jahr 2016 zusätzliche Plätze im Bundesfreiwilligendienst an. Diese können von Geflüchteten oder in der Arbeit mit Geflüchteten besetzt werden. Wir versuchen so, die Integration von Geflüchteten im Land Bremen zu unterstützen. Dieses Ziel hat übrigens der Kirchentag der Bremischen Evangelischen Kirche gemeinsam mit der Diakonie schon 2014 formuliert.

Flucht ist ja auch kein neues Thema. Was bringt die Menschen dazu, ihre Heimat aufzugeben? Für das Aufbrechen und das Fortgehen gibt es immer wieder unzählige Gründe, davon weiß schon das Alte Testament zu berichten. Interessant ist: in der Bibel werden die Gründe für die Flucht nicht bewertet. Es wird nicht unterschieden zwischen echt und unecht, zwischen politisch und wirtschaftlich, zwischen legal und illegal. Flucht ist kein Verbrechen! Es ist eine Not, die den Menschen dazu bringt, wegzugehen. Und es ist unsere Aufgabe, diese Menschen zu unterstützen – durch Integration, geregelte Asylverfahren und Hilfe in den Herkunftsländern.

Und wie stehen Sie zu den Plänen, den Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz auszusetzen? Wie sollen Menschen bei uns ankommen und sich integrieren, wenn sie sich um den Schutz ihrer Familien sorgen müssen? Das widerspricht dem Gedanken einer Integration in unsere Gesellschaft grundsätzlich.

Die Diakonie Bremen setzt sich immer wieder für die Willkommensstruktur ein. Was ist damit genau gemeint? Konkret meinen wir damit zum Beispiel die Beratung und Begleitung durch engagierte Haupt- und Ehrenamtliche. Aber auch das interkulturelle Lernen, der Spracherwerb und die Möglichkeit einer Ausbildung sind wichtig, um bei uns anzukommen. Zentral ist dabei außerdem eine menschenwürdige Unterkunft. Nur so können Menschen in ihrem Stadtteil heimisch werden.

Wie stehen Sie zu einer Unterbringung in einer Notunterkunft? Ich habe selbst einige Notunterkünfte besucht, so zum Beispiel die Zeltunterkunft Überseetor. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen sind die Zeltunterkünfte unvermeidlich. Langfristig müssen wir allerdings alles daransetzen, dass sie eine Notlösung bleiben. Solch eine Unterbringung ist nicht mit einer eigenen Wohnung zu vergleichen. Schließlich bieten Zelte oder auch Container den Menschen kaum Privatsphäre. Dabei ist dies ein wichtiger Aspekt eines menschenwürdigen Lebens. Nur eine eigene Wohnung oder eine ähnlich persönliche Unterbringung kann das Gefühl von zuhause bieten, das sich die geflüchteten Menschen wünschen. Der soziale Wohnungsbau muss vom Senat des Lands deshalb dringend mit Hilfe kommunaler Baugesellschaften noch stärker in den Blick genommen werden, um hier schon länger Lebenden und Geflüchteten angemessenen bezahlbaren Wohnraum bieten zu können.

Dafür setzt sich die Diakonie zusammen mit dem Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen ein? Wir engagieren uns gemeinsam mit dem Aktionsbündnis für eine bessere und soziale Wohnungspolitik in Bremen, so dass jeder seinen Anspruch auf eine angemessene, menschenwürdige und bezahlbare Wohnung einlösen kann. Eine menschenwürdige Unterkunft ist für alle – also Bremerinnen und Bremer sowie Geflüchtete – eine dringende Notwendigkeit. Bezahlbaren Wohnraum sicherzustellen ist eine gesellschaftliche Verantwortung. Denn: Das Menschenrecht auf Wohnen gilt für alle.

Die Wohnungsnot ist in Bremen ebenfalls schon lange ein Problem. Die soziale Schieflage ist in Bremen tatsächlich schon seit langer Zeit gewachsen. Es ist zwar erfreulich, dass die Diskussion in Politik und Öffentlichkeit, auch durch das große Engagement des Aktionsbündnisses, geführt wird, doch ich bedauere es, dass das notwendige Tempo bei der Umsetzung nicht erreicht wird. Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2020 weitere 14.000 Wohneinheiten fehlen werden beziehungsweise neu geschaffen werden müssen. Durch die große Zahl der Geflüchteten, die in Bremen eine Unterkunft benötigen, steigt dieser Bedarf erheblich an. So verstärkt sich der Verdrängungswettbewerb unter den Wohnungssuchenden, bei dem dann besonders Menschen mit sozialen Schwierigkeiten und Unterstützungsbedarfen die Verlierer sind. Die Politik sollte daher dringend Möglichkeiten schaffen, dass bis 2020 jährlich mindestens 5.000 Wohnungen neu geschaffen werden.

Was macht die Diakonie, um Fluchtursachen entgegen zu wirken? Als Diakonie engagieren wir uns mit Partnern wie Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe in den Herkunftsländern in Form von humanitärer Hilfe und Wiederaufbau.

Wie kann, Ihrer Meinung nach, Integration in Bremen gelingen? Kein Mensch flüchtet aus seiner Heimat ohne Not. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Integration der geflüchteten Menschen zu ermöglichen. Doch Integration ist dauerhaft nur möglich, wenn auch das Land Bremen seine Integrationsaufgabe durch die Bereitstellung von Ausbildungs-Möglichkeiten, Arbeitsplätzen und menschenwürdigem Wohnraum erfüllt.

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